Little sweet Corn Island

Little Corn Island – ein Domizil für Teint-Optimierer, Rumtrinker und Tauchbrillenträger! 

Aber bevor wir an den Kokosnüssen und den Cuba Librés dieser Welt nuckeln durften, hatten wir einen weiten Weg vor uns. Los ging es mit einer 15h-Autofahrt durch das vergnügsame, honduranische Hinterland und der Hauptstadt Honduras Tegucigalpa mit einem Sicherheitsanspruch, der auf einer Messskala von 1-10 eine solide 0,3 schafft. Die Landschaft hingegen präsentiert sich weiterhin von ihrer Schokoladenseite. Das muss man Honduras lassen: Natur kann das Land. Am Essen und an der exponentiellen Kriminalitätsrate kann jedoch noch geschraubt werden. Die Landschaft ist wie ein perfekter, bunter Schmetterling, während sich die städtische Situation wie eine borstige, graue Raupe darstellt.

Da saßen wir nun: stundenlang eingekercht in einem Shuttle mit ein paar anderen Backpackern im Kampf mit und gegen die Klimaanlage. Nach ein paar Minuten schon konnte ich mir glücklicherweise meine Entspannungsblase aufbauen. Auto- und Busfahrten haben für mich immer etwas hypnotisches. Kaum eingestiegen, ist das Schlummerland, in dem für mich viele leckere Rouladen-Träume warten, nicht weit. (Erwähnte ich die für uns dramatische Essenssituation in Honduras?) Ich bin mittlerweile so geübt, was das Fahren ohne Komfort angeht, dass ich ohne jegliche Kopfstützen oder Anlehnen jedes Schlagloch im Tiefschlaf verarbeite. Meine Entspannungsblase wurde in mühsamer Arbeit also größer und größer bis sie im Bus abrupt von zwei, aus unserer Perspektive furchterregenden deutschen Frauen, mit ihrer bloßen Anwesenheit zum Platzen gebracht wurde. Ungehemmt quatschten sie die anderen Reisenden um sich herum nieder. Allein ihr deutscher Akzent war so abstossend, wie die drei Tage getragene Unterhose von Rudi Völler. Mit ihrer erdrückenden Aura an grundloser Selbstgefälligkeit und ihren “wirklich starken Stories”, die so interessant waren wie eine leere Obstschale, war unsere stetig wachsende Abneigung heißer als mein morgendlicher Café con leche. Ihre Themen – eine Rührei aus boulevardesken Weisheiten, amateurhaft aufgesetzte, gewollt – aber nicht gekonnte Suggestion von Lässigkeit, Nonsense-Supernovas und in ihren Augen grenzenloser “Backpacking-Erfahrung”, die sie wahrscheinlich auf Malle beim Eimersaufen gesammelt haben. Ihr nächstes Ziel ist im Übrigen die Pazifikküste Nicaraguas. “We want to do some Surfing” Haha! Ja genau. Das einzige worauf sie bisher in ihrem Leben standen, ist vielleicht ein Tretboot. Ich möchte damit nur betonen: Es war von der Entfernung kein Katzensprung – und auch menschlich kein Ponyreiten für uns, um nach Nicaragua zu kommen. Zur später Stunde hat sich der Grenzübertritt strafverschärfend noch ermüdend hingezogen, sodass wir heilfroh und todmüde um Mitternacht ins Hostelbett in Léon gefallen sind.

Mit neuen Kräften haben wir uns morgens noch einen Speed-Stadtrundgang durch die schöne nicaraguanische Kolonialstadt und ein mittelmäßiges Frühstück gegönnt. Danach ging es für 2h weiter zum Flughafen Managuas, der Hauptstadt Nicaraguas. Danger Air mit Propellerantrieb und losen Schrauben hat uns nach einer Zwischenlandung sicher auf Corn Island gebracht – der etwas durchschnittliche, vernarbte Bruder von der liebreizenden, wunderschönen Schwester Little Corn Island. Weiter ging es mit einem Panda – nein, nicht der schmusige, sexfaule Teddybär – sondern ein Boot, das auf dem Weg eine Welle nach der nächsten über uns ergoss. Klitschnass, aber völlig beeeindruckt vom ersten Anblick der Insel, dessen Markenrechte bei Robinson Crusoe liegen, sind wir nach Ankunft den langen Weg in den Norden der Insel gelaufen.

Hier haben wir uns in ein Baumhaus direkt am Strand eingemietet. Ausgestattet mit ausschließlich einem Bett, einem Moskitonetz und einer Terrasse mit Meerblick und Hängematte, wollten wir uns nun im Minimalismus erproben. Es war herrlich! Schmeißt alles aus dem Fenster! Weniger ist mehr. Was allerdings auch hätte weniger sein können, waren die Kakerlaken. Denen hat es besonders gut nachts im Baumhaus gefallen. Damit konnten wir uns halbwegs arrangieren. Natur ist hier eben Natur und kein künstlicher Wellness-Tempel in Dubai. Wen ich allerdings nicht zur Party eingeladen habe, sind die ganzen Moskitos. Aber mittlerweile glaube ich, dass es der Anwesenheit der bluthungrigen Mistviecher gar nicht mehr bedarf. Die Stiche multiplizieren sich bei mir gefühlt auch von alleine. Das Baumhaus gehört übrigens zu einer Anlage, die sich Ensueños nennt und Ramon gehört, einem maximal relaxten Naturkünstler und Rudelführer einer karibischen Yoga-Armee. Er spricht so gelassen langsam, dass wenn er Faust Teil II laut vorlesen würde, mindestens drei Jahrzehnte für das gesamte Buch bräuchte. In Ensueños gibt es für die Gäste nur Solarstrom und Kerzen, kein WLAN, keine Steckdosen. Die Badsituation stellt sich folgendermaßen dar: Es existiert ein Wassertrog zum Zähneputzen, eine Outdoor-Dusche und ein shared WC, dessen einzige Diskretion ein dünner, wehender Stoffvorhang ist.

So, und was macht man also den ganzen Tag auf so einer abgelegenen Trauminsel aus dem Katalog? Die einen schmieren sich den ganzen Tag mit Sonnenmilch ein, wir waren stattdessen stark an der Unterwasserwelt interessiert. Der Norden der kleinen Insel hat nämlich nicht nur die schönsten Strände, sondern vor allem auch das schönste Riff mit mehreren sehr guten Schnorchel-Spots und das quasi vor unserer Haustür. Also Schnorchel-Rüssel rein und ab ins Meer! Eigentlich wollten wir auch noch Tauchen, um uns mit ein paar Hammerhaien anzulegen, aber dafür blieb am Ende leider keine Zeit mehr. Durch die herrliche Abgelegenheit im Norden ohne jegliche Shops, Fahrzeuge und Bars, musste man den langen Weg in die Stadt auf sich nehmen, um sich zu ernähren. Dadurch hat man oftmals viel Zeit verloren. Die Zeit rinnt hier sowieso davon wie der zuckerweiche Sand durch die Zehen und gefüllt auch tausendmal schneller als auf dem Festland.

Das Downtown der Insel im Süden ist belebt, aber nicht überlaufen. Außer ein paar Hängenbleiber, Backpacker und Locals – freie Sicht. Hier ein paar Kioske, da eine handvoll entspannter Bars und Restaurants (die wirklich hervorragenden Hummer für lächerlich wenig Geld anbieten), zwei Tauchschulen, eine Kiteschule, ein Promenaden-Trampelpfad den Strand entlang und ein paar Fischerboote, die in den seichten Wellen schaukeln – fertig ist ein hervorragender Cocktail mit jeglichen schmackhaften Zutaten für eine karibische Bilderbuchinsel – inklusive Postkarten-Sonnenuntergang.

Am ersten Abend haben wir auch direkt Malte auf einen Drink getroffen – ein Freund von Konstantin, der anscheinend alles richtig macht und hier jedes Jahr überwintert – nur nicht wie bei uns die Igel mit einer angefressenen Fettschicht, eingerollt irgendwo in einem dunklen Loch, sondern effektvoll bei strahlendem Sonnenschein am Strand als Kitelehrer. Die anderen Abende haben Konstantin und ich mindestens genauso effektvoll bis tief in die Nacht mit selbstgemixten Rumgetränken an den einsamen Nordstränden verbracht. Mittlerweile stehen die Sternenhimmel an den Orten, die wir bereits besucht haben, in starker Konkurrenz.

Irgendwann geht jedes Inselmärchen zu Ende und wir mussten zurück aufs Festland. Am Flughafen vom Managua kam es dann zum unschönsten Teil der bisherigen Reise: Der schwere Abschied von Konstantin. Nach einem Monat etlicher Abenteuer und einzigartiger Momente zusammen als ein brillantes Team bin ich von nun an auf mich allein gestellt – quasi eine soziale Rolle rückwärts. Es wird nicht das Gleiche sein. Es wird anders. Aber weiterhin etwas Gutes, davon bin ich überzeugt. Wir sehen uns in einem Monat in Neuseeland wieder. Jetzt muss er erstmal das Geld nach Hause tragen, während ich weiterhin gegen Reis und Bohnen kämpfe. Das ist fair.

Ich bin weiter nach Granada gezogen, einem weiteren, süssen Kolonialstädchen hier in Nicaragua und kann jetzt schon mal spoilern: Ich habe Jesus gefunden. Coming soon…

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