Von Nicaragua ging die Reise mit Copa Airlines weiter nach Panama City. Da ich vor etwa drei Jahren Panama schon einmal bereist hatte, fiel mir die Orientierung nicht schwer und so mauserte sich die wahrscheinlich schönste lateinamerikanische Megacity zur idealen Base, um einige Besorgungen für meinen Segeltrip nach Kolumbien anzustellen.
In letzter Zeit muss ich mich häufig zur Ordnung rufen. Ich bemerke einen erhöhten Grad von Tollpatschigkeit. Ich habe meinen Charger für iPhone und iPad zerstört und einen Teil von meinem GoPro-Case abgebrochen. Ich brauchte also dringend Strom und ein Unterwasser-Case! Es ist ja für den vernetzten, ungeduldigen Mitteleuropäer eine mittelschwere Katastrophe, wenn seine elektronischen Geräte nicht mehr zu ihm sprechen. Generell habe ich nichts dagegen, wenn genau diese mal schweigen. Aber! Wenn man allein durch die Welt reist und die einzige Kommunikationsmöglichkeit mit der Heimat sein Handy ist, dann hat es gefällst 24h abrufbar zu sein. Es wäre des Weiteren ein kaum hinnehmbarer Zustand, wenn ich die Viecher, die ich unter Wasser treffe, nicht mehr festhalten kann. Wie soll ich mich in 10 Jahren noch an diesen oder jenen Fisch erinnern? First world problems. Schon klar. Der Mensch neigt aber nun mal dazu sein Problem im Rahmen seiner Möglichkeiten zum schlimmsten der Welt zu erklären. Einen Charger zu finden war keine große Herausforderung. Doch als ich nach langen Suchen endlich einen Elektro-Store mit GoPro-Equipment gefunden habe, bin ich dem Verkäufer vor Glück und Erleichterung auf die Knie gefallen. Ich mein, ich bin nicht der Typ der Probleme künstlich strapaziert, aber so in etwa muss sich Amerika gefühlt haben, als die Atomraketen von Kuba abgezogen wurden.
In aller Frühe ging es dann mit einem Shuttle Richtung Portobello im Norden von Panama. Hier habe ich dann auch zum ersten Mal meine Mitreisenden kennengelernt. So eine Art Trip steht und fällt mit den Menschen, mit denen du diesen erlebst. Wir waren insgesamt 21 Leute auf einem Segelboot mit der Größe von ca. 18 Meter – eine bunte Mischung aus Abenteurern aus aller Welt. Hier die Teamaufstellung:
Im Tor: Captain Charly aus Südafrika, seine Frau Nathalie – unsere venezolanische Köchin, ihr Sohn Keanen, ihr Hund Maxi (the best!!) aus Panama und Co-Pilot Erie aus Kolumbien.
In der Abwehr: Gary und Elody aus dem französischen Part der Schweiz, Jen aus dem deutschen Part der Schweiz, Nikki aus den Niederlanden.
Im Mittelfeld: Laura (Berlin) und ich aus Deutschland, David aus Kolumbien – in New York lebend, Andrew aus den United States – San Diego, Collin aus Irland, Michael und Matt aus Australien – Melbourne, Amber aus England – London.
Im Sturm: Ein Rudel Schweden: Aaron, Anton, Freddy, Stina, Frederika aus Stockholm und Uppsala.
Fünf Tage auf einem kleinen Segelboot mit 21 völlig unbekannten Menschen zu sein, kann mit der falschen Zusammensetzung und den falschen Gewürzen wie faulige, dahingeraffte Eier schmecken. Ich hatte wirkliches Glück – sowohl mit meinen Mitreisenden als auch mit der Crew. Keine geschmackslose, aufgehitze Backpacker-Suppe, sondern ganz normale, unaufgesetzte Traveller, die alles auf sich zu kommen lassen. Kein an den Haaren reißen, keine Giftpfeile in den Rücken des anderen. Nur jede Menge Fun & Sun zusammen! Nathalie, Keanen, Erie und Charly formten dabei die beste Crew, die man sich hätte wünschen können.
Unsere Ablegestelle Portobello ist ein kleines Hafendorf, in dessen Bucht jede Menge Bootsleichen im Wasser treiben. Teilweise sieht man nur noch bemitleidenswert den Mast und ein zerfetztes Segel aus dem Wasser ragen. Als wir am Dock auf unser Boot gewartet haben, sind wir durch Zufall in eine kleine BBQ-Party von ein paar Einheimischen gestolpert. Hier wurden wir mit reichlich Bier und Hähnchenschenkel gefüttert und spontan zum Salsa-Tanz aufgefordert. Pünktlich zum Sonnenuntergang haben wir abgelegt. Von Portobello war es eine Nacht Fahrt auf offener See zu den San Blas Inseln: 374 kleine Inseln, manche nur so groß wie meine Küche – bewohnt von einer Kokospalme. Die Inselgruppe ist eine autonome Region von Panama – besiedelt von einem indigenen Volk, den Kunas. Diese dürfen das Gebiet unabhängig vom Staat Panama verwalten. Hier gelten ihre Gesetze und Auflagen. Das hält glücklicherweise die Tennissockenträger mit Rollkoffer fern, sodass Tourismus in seiner abstoßenden Form hier nicht existieren kann. Will man die Inseln als Reisender besuchen, braucht man die Genehmigung der Kunas und muss eine entsprechende Tax zahlen. Will man auf einer der Inseln übernachten, bieten die Kunas einen Schlafplatz in einem ihrer aus Palmen gebauten Hütten an. Hotels oder andere Gebäude gibt es nicht.
Eigentlich wollten wir alle die erste Nacht auf Deck schlafen: Hier gab es Sterne und frische Luft satt. Beides konnten wir gut gebrauchen. Da die See aber immer rauer wurde und das Wasser bereits überschwappte, flüchteten wir kurzerhand unter Deck. Hier war die Fahrt nur im Liegen ertragbar, denn alle Gesetze der Schwerkraft wurden außer Kraft gesetzt. Das verwirrt den Körper und setzt ihn massiv unter Stress. Allein der Gag zur Toilette hatte die Qualität eines 2000 Meter-Hindernislauf. Rumsbums. Überall einmal hart angedockt, aufgeschürft und langgerutscht, verlor man die völlige Kontrolle über Körper und Sinne. So müssen sich Tiertransporte anfühlen. Ich hatte meine Sachen anfangs in meine Koje aufs Bett geschmissen. Dabei blieb es auch. Es war mir nicht mehr möglich irgendwas wegzuräumen, geschweige denn Ordnung zu schaffen. So habe ich einen unruhigen Achterbahnschlaf neben und unter Äpfeln, Chips, Wasserflaschen, Orangen und Klamotten verbracht. Ich bin glücklicherweise nicht seekrank geworden, aber 1/3 von uns hat es richtig erwischt.
Mit dem Setzen des Ankers unsanft geweckt, hatte das katapultartige Hin- und Herschleudern meiner Selbst ein Ende. Wir sind auf den San Blas Inseln angekommen! Den ersten Tag haben wir auf einer Fototapeten-Insel mit Volleyball spielen, Beachen, Schnorcheln und Coco-Locos verbracht. Auf dieser Insel lebten auch zwei Kuna-Familien – ein Großteil intersexuell, vermutlich durch Inzest. Man kann bei den Kunas (Fake-)Bier oder auch (Fake-)Gras kaufen, kann sich dabei aber auch sicher sein (Fake-)Money zurückzubekommen. Den Kunas würde ich noch nicht mal meine Zahnbürste anvertrauen. Das sind ausgefuchste Geschäftsleute. Nach mindestens 2min wäre sie an die nächste herumlaufende Eidechse verkauft worden. Später haben wir dann nach einem ausgiebigen BBQ auf unserem Boot mit launigen Spielchen noch in die Nacht hineingelacht. Der Höhepunkt des Tages war aber, als wir realisierten, dass wir drei von unseren Leuten auf der Insel vergessen haben. Bei der Erkenntnis blieb es. Wir haben sie erst am nächsten Tag abgeholt. Herrlich!
Am zweiten Tag sind wir herrschaftlich über das karibische Meer zur nächsten Insel gesegelt. Nachdem die Sonne tags zuvor einen Kater hatte und sich lieber mit Chips und Cola im dunklen Zimmer zurückgezogen hat, ist sie einen Tag später so richtig in Fahrt aufgenommen. Über meine 1cm Salzschicht musste ich eine Abdeckplane Sonnenmilch nach der nächsten ziehen. Beim Schnorcheln am Reef habe ich dann meinen Fuß geradezu legendär an einer steinharten Koralle aufgeschlagen. Kurz danach habe ich meine Kamera in den Sand fallen lassen – jetzt fährt natürlich das Objektiv nicht mehr aus. Mein iPhone habe ich ins Wasser fallen lassen – natürlich ist dieses nun auch dahin. Mit diesen Stunts werde wahrscheinlich nicht den Heldentod sterben. Diese Missverständnisse mit mir und meinen Körper häufen sich in letzter Zeit. Ich werde auf kurz oder lang einen Helm tragen und einen Aufseher haben müssen. Allein wie häufig mir die Sonnenbrille in den letzten Tagen aus der Halsöffnung meines Shirts gestolpert ist. Ein Schimpanse hätte spätestens nach dem zweiten Mal eine adäquatere Lösung gewählt. Meine Motorik arbeitet gezielt gegen mich. Das Reef für sich ist aber sehr schön, einige bunte Fische haben sich zum Backgammon getroffen, ansonsten nix los. Dabei sollen sich hier auch eine Reihe von Reef-Sharks, Schildkröten und ab und zu auch Salzwasserkrokodile verirren. Aber kein Wunder, ich hätte auch kein Bock dem größten Trampel, der sich gerade in der Karibik aufhält, zu begegnen.
Abends haben wir uns spontan auf einer “größeren” unbewohnten Insel niedergelassen und ein so riesiges Feuer gemacht, da wäre Grisu, der kleine Drache, vor Neid erblasst. Ich weiß nicht, ob es die hohen Flammen oder der starke Rum war, aber irgendwas hat die Gruppe in Brand gesetzt. Nach kürzester Zeit war die Rauschamplitude am Ausschlagen und jeder enthemmt. Das Verhalten auf Rum stand im völligen Missverhältnis zum Alltagshandeln. Viele hatten das Bedürfnis sich nackt auszuziehen und ins Meer zu springen, es wurde wild um’s Feuer getanzt, gegröllt, gesungen. Was für eine Party! Und die ganze Insel nur für uns! Am Ende war es so skurril, dass ich oft mit geöffneten Mund dastand und staunte, in welchen ekzessiven Bahnen die Truppe abgebogen ist. Warum? Weil ich nüchtern war. Seit dem Aufstehen musste ich neben meiner elektronischen Selbstzerstörung auch gegen eine Erkältung ankämpfen. Wie zum Teufel kann man sich im Paradies bei 36grad erkälten?! Ich war sehr in Sorge, dass ich mir Malaria in Honduras eingefangen hatte und es jetzt richtig lustig wird. Malaria hat eine Inkubationszeit von 15 Tagen, die war genau jetzt abgelaufen. Dabei startet die Malaria-Show genau mit: Einer Erkältung und Fieber. Auf letzteres habe ich jeden Moment gewartet, das es eintritt. Es ist, als wenn man auf dem Bahnsteig steht und ungeduldig auf einen verspäteten ICE nach Irgendwo wartet, um in Irgendwo noch zu Irgendwas halbwegs pünktlich zu erscheinen – Nur nicht ganz so hoffnungsvoll. Daher gab es für mich in diesem Fall nur Aqua Libré.
Am nächsten Tag, wurden in anständiger Katermanier all die witzigen Auf- und Ausfälligkeiten abgerufen, diskutiert und abgeheftet, den Stürzen und nackten Tatsachen auf dem Grund gegangen und all die Erinnerungsstücke in Puzzleteile wieder zusammengesteckt – natürlich standesgemäß alles auf einer weiteren, unbewohnten, kleinen, einsamen Insel.
Dann am späten Nachmittag war es endlich soweit: Auf nach Kolumbien! Vor uns standen 3 Tage Segeln auf offener See. Es ist schon ein einzigartiges Gefühl, wenn man auf dem atlantischen Ozean segelt, von einer Schulklasse Delfinen stundenlang begleitet wird, riesige Schwertfische und Thunfische angelt, die anrauschenden Wellen dabei 4-5 Meter größer sind als der eigentliche Rumpf des Bootes und man jedes Mal das Gefühl hat, die nächste Welle frisst das Schiff endgültig auf. Dabei segelt man sanft zur Spitze der Welle und gleitet demütig ins Tal, von wo aus schon das nächste anrollende Monster winkt. Dem offenen Ozean mehrere Tage ausgeliefert zu sein und dessen Gesetze zu befolgen, ist wohl eines der schönsten Erfahrungen, die man machen kann.
Nach einer halbwegs akzeptablen Nacht mit halbwegs akzeptablen Seegang folgte ein langer Tag des Nichtstuns – hier ein Delphin, da eine Welle. Bis zum Abend befanden sich alle in einer Salzwasserblase aus Schläfrigkeit und Anspannung. So lange ungeübt auf offener See zu sein, fordert dem Körper einiges ab.
Und dann kam schließlich der Abend: Die See ist merklich rauer geworden, der Wind hat deutlich Fahrt aufgenommen. Ich werde den einen Moment wohl nie vergessen: Ich stand mit Stina und Matt auf der rechten Seite des Hecks – David und Keanen auf der linken Seite – als sich plötzlich das Boot aus seiner 45Grad-Dauerpose zum Wasser löste und sich auf meiner Seite völlig aus dem Wasser hob. Verwirrt und teilweise panisch griffen wir nach der nächsten Möglichkeit zum Festkrallen. Ich weiß noch, dass Stina irgendwas vom Kilimandscharo erzählte als mein Blick nach rechts schweifte und ich in den Schlund einer riesigen Welle sah, die drei Meter über unsere Köpfe auf uns niederprallte. Der Rumpf des Bootes lag ein paar Millisekunden fast mit 75Grad zum Wasser, in dem David und Keanen bereits schwammen – nur noch von der Reling geschützt. Danach mussten wir unverzüglich das Deck verlassen. Die Show ging jetzt erst richtig los! Die Wellen wurden immer unregelmäßiger, heftiger und größer. Ein Sturm zog auf. Unter Deck sind die Leute hin- und hergeflogen. Die ganze Küche wurde einmal zerlegt, ein Fenster ist kaputtgegangen, Türen beschädigt, Wasser ist eingetreten, Stromausfall. Auf Deck sind Sitze und Rettungsringe über Bord gegangen. Unter Deck konnte man nur noch in liegender Position unbescholten bleiben. Und selbst diese war kaum auszuhalten. Da ich meine Koje direkt am Bug hatte, lag ich eigentlich die ganze Nacht in totaler Schieflage unter Wasser im 90Grad-Winkel zu meinem eigentlichen Bett auf der Holzverkleidung. Liegen ist an der Stelle auch der falsche Ausdruck. Ich wurde eigentlich kontinuierlich durchs Bett geschleudert. Es gab ein Punkt, an dem ich mir nicht sicher war, ob wir diese Nacht auf dem Atlantik überleben werden. Am nächsten Morgen hat sich die Situation entschärft, keiner hat ein Auge zugekriegt, alle haben sich nur fragend mit einem schockierten “What the fuck?!” angeschaut. Charly, unser erfahrener Captain, hat uns später noch gesteckt, dass diese Nacht seine Härteste auf dieser Route war. Das war auf jeden Fall eines der berüchtigten “Once-In-A-Lifetime”-Erlebnisse, von dem jeder spricht.
Dann endlich, der magische Moment: Land in Sicht! Die Skyline von Cartagena! Erleichtert und glücklich endlich in Kolumbien angekommen zu sein und nach sechs Tagen endlich wieder Schuhe und Land unter den Füßen zu spüren, haben wir noch schnell den Immigration-Prozess über uns ergehen lassen und uns dann in die wunderschöne Altstadt fahren lassen.































































































Jetzt bin ich voll ueberzeugt, dass ich am Karibische See noch in mein Leben segeln muss!
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