Kolumbien hat uns mit offenen Affenarmen empfangen. Von der ersten Sekunde war klar – Dieses Land ist ein prototypisches Wohlfühl-Land und wie eine alte, geheimnisvolle Truhe vom Dachboden einer buckligen Kräuterhexe: Reich an verborgenen Schätzen und explosiven Mixturen. Bei Ankunft haben wir uns in zwei Gruppen aufgeteilt, da die Hostels nicht 15 Leute auf einmal aufnehmen konnten. Laura, Amber, Michael, Collin und ich waren dabei ein Hostelkollektiv. Da wir nach 5 Tagen ohne Dusche auf hoher See mittlerweile aussahen wie eine Bochumer Kohlebergbauarbeiter-Witwe stürzten wir uns direkt in die lang ersehnte Spa-Session mit Dusche, Nägelschneiden und Rasur und baggerten kiloweise Sand aus allen möglichen Körperöffnungen. Nach diesem hygienischen Update ging es zum Italiener, wo wir uns mit den anderen zum Abschlussball verabredet haben. Die Ankunft in Cartagena erinnerte mich ein wenig an das Computerspiel “Die Sims” – die Simulation von Spielfiguren und ihr tägliches Leben. Stück für Stück konnte ich meine Grundbedürfnissäulen wieder restaurieren: Die Sauberkeitskurve ging steil nach oben – keine Fliegen und kein grünlicher Dunst mehr um meinem Körper, keine seltenen Agrakulturen mehr unter meinen Nägeln. Mein Magen wurde mit reichlich Pizza aufgefüllt – nachdem meine Nahrungskette in Zentralamerika bereits deutlich verreist- und verbohnt wurde, der Schlafstatus erreichte ein ungewohnt hohes Level. Und auch das Komfortbarometer ist angestiegen. Zumindest mussten wir uns jetzt die Toilette nur noch mit 3 anstatt mit 21 Popos teilen.
Nach einem Tsunami aus westlichen Köstlichkeiten, sind wir wie streunernde Hunde durch die imposanten Gassen von Cartagena gedackelt. Sehr schnell wurde deutlich, wie sehr sich Cartagena von so vielen Städten in Zentralamerika unterscheidet. Hinter jeder Ecke wartete Musik, ein Salsa-Tanz oder ein gemütliches Bier auf uns, das unter der Gefriergrenze auch recht annehmbar war. Die Straßen sind bis in den späten Abend hinein belebt und mit Musikern, Street-Artisten und Künstlern zugepflastert. Hier herrscht eine völlig andere Atmosphäre als in den nachts von gefährlichen Gangs beherrschten Streets von Honduras und Nicaragua, nach denen sich Baschar al-Assad die Finger lecken würde. Hier sollte man auch kurze, gehbare Strecken ab 9pm nur noch mit dem Taxi fahren – also kein Shakira-Hüftschwung oder Trommelorchester mehr am späten Abend. Nachdem wir durch Bars und Clubs gezogen sind und wild getanzt haben, ist mir plötzlich die Kinnlade auf die von Pferdehufen blankpolierten Pflastersteine gefallen: Auf einem der Plazas inmitten von Cartagena habe ich durch puren Zufall Lui aus Schwerin – eine lang vermisste, alte Schulfreundin wiedergefunden! Ich habe jeden Moment darauf gewartet, dass Vera-Int-Veen und ihr RTL-Team aus dem Busch springen und mich beglückwünschen. Die Welt ist und bleibt klein. Glückbeseelt stand sie da und nuggelte fröhlich an ihrem Bier. Ich dachte ich seh nicht richtig. Leider hatten wir nur kurz Zeit unsere drei bis vier wichtigsten biografischen Eckdaten auszutauschen (wir hatten uns 15 Jahre nicht gesehen!!) und dann ist meine Gruppe auch schon weitergezogen. Wir hatten aber die gleiche Route und waren uns sicher in einer Woche an der kolumbianischen Karibikküste wiederzusehen.
Am nächsten Morgen musste ich mich erstmal um meinen Haufen Elektroschrott kümmern. Mein Handy zuckte nicht mal mehr und meine Kamera gab auch kein Lebenszeichen mehr von sich. Ich bin dem elektronischen Tod erlegen und hatte glücklicherweise Laura mit ihrem fließendem Spanisch als unterstützende OP-Schwester an meiner Seite um die Mission Wiederbelebung zu starten. Da Cartagena wohl auch die wohlhabendste Stadt in Kolumbien ist, hatten wir gute Chancen Läden mit flinken Bastlerhänden zu finden, die Trottel wie mir mein Hightech-All-Inclusive-Paket wiederbeschaffen können. So war es dann auch. Ich hab mich schon mit einem neuen Huawei-Plastikhandy rumärgern sehen, da haben wir einen Strassenladen voll mit Eletrofreaks gefunden, die den ganzen Tag nichts anderes machen als iPhone-Leichen ins Leben zurückzuholen. Ich sah meine Chance kommen. Mit rasenden Herzen sah ich zu wie mein Telefon ausgeweidet wurde wie eine albanische Ziege am Straßenrand (und ich weiß wovon ich spreche!). Da ich mit meinem Kindergarten-Spanisch keine komplexen Erklärungen oder gar technischen Zusammenhänge ausführen oder gar verstehen kann, hatte ich Laura als meine Dolmetscherin dabei. So wusste ich ganz genau, welches Organ gerade aus meinem iPhone rausoperiert und ersetzt werden muss – Und es waren so einige. Egal, der Preis dafür war lächerlich. Go for it! Nach zwei Stunden hat mein Handy zurück ins Leben gefunden. Darauf folgte Mission Kamera. Auch hier haben wir nach kurzer Zeit einen freundlichen Tüftler gefunden, der innerhalb von einem Tag den Rotor meines Objetivs ausgetauscht hat. Die Kamera funktioniert jetzt zwar mit einigen technischen Narben wieder halbwegs, ist aber nicht mehr die gleiche wie vorher. Beeindruckt von der kolumbianischen Dienstleistungsbranche sind Amber, Laura und ich am späten Nachmittag dann noch durch die Old City geschlendert. Hier warteten süsse Gassen mit kolonialen Häusern, imposante Kirchen und die Stadtmauer mit Blick auf den Ozean und auf die New City mit all ihren reichen Wolkenkratzern auf uns.
Abends haben wir dann die Anderen zu einer traditionellen Touri-Tour mit einem der typischen Chiva-Busse wiedergetroffen. Eigentlich finde ich sowas eher abstoßend, aber mit meinen 15 Freunden vom Segelboot war es eine großartige Party. Im fensterfreien Bus, dessen Fassungsvermögen völlig ausgereizt war, waren auch noch ein paar Kanadier, Peruaner und Chilenen. Ziel der Tour ist es, vier Stunden lang mit einer kolumbianischen Liveband an Bord und einer Rum-Flatrate gröhlend durch die Old- und New City zu cruisen. Das hat auch einwandfrei funktioniert und so standen am Ende alle tanzenderweise und mit hoher Rumamplitude, allerlei Rasseln in den Händen und Colaflecken auf der Hose auf den Bänken und sangen nuschelig irgendwelche lateinamerikanischen Hits der 80er, 90er und das beste von Heute. Ab und zu haben wir mal bei irgendeiner Sehenswürdigkeit oder in irgendeinem Club Halt gemacht – Glaub ich. 🙂 Danach ging es noch weiter in eine Tanzbar. Aber eigentlich haben wir uns alle bereits im Bus so verausgabt, dass der Dancefloor leer blieb – bis jemand vor Erschöpfung sein Bier fallen gelassen hat und die genervte Bardame den Wischmob holen musste. Im Affekt habe ich mir diesen geklaut und ihn zu meinem rechtmäßigen Tanzpartner für den restlichen Abend gemacht.
Am nächsten Tag einigermaßen schielend aufgewacht, hieß es dann zurück zur Seriösität, Sachen packen und ab in den Bus nach Santa Marta: Von hier startet einer der schönsten Hikes Lateinamerikas – der Lost City Trek.
Hier leider nur ein paar Schnappschüsse von Cartagena:


















