Die Gili Islands bestehen aus den drei Miniatur-Inseln Gili Trawangan, Gili Meno und Gili Air im Norden zwischen Bali und Lombok. Alles natürlich schön mit schickylucky Sandstrand, crystal-clear Water, gutgelaunten Schildkröten und bunten Cocktailschirmchen – ist klar. Die Entscheidung, welche der drei Inseln ich für ein paar Tage besuchen wollte, erinnerte mich ein bisschen an diese psychologischen Kriegsspielchen neben informativer Pafum- und BH-Werbung in der BRIGITTE oder GALA – also in Frauenzeitschriften, für dessen digitale Formate ich nicht nur gerne arbeite, sondern die auch für all die Durchschnittsexistenzen da draußen, die eigentlich nur gesellschaftliche Füllmasse sind, wertvollen Diät- und Orangenhaut-Terror aussäen. Man nehme eine möglichst geistesgestörte, masochistische Wer-Bin-Ich-Frage wie „Welcher Abnehmtyp…oder welcher Promi bist du?“ – Reichere das Ganze mit ein paar ambivalenten Fragen an, die mit devoten Ja/Nein-Antworten zur nächsten Frage führen – Die belanglose Buchstabensuppe wird verbunden mit zerknäulten Pfaden, denen der ferngesteuerte Leser artig mit seinem stumpfen Bleistift folgt. Am Ende wird ihm sein Ebenbild als Kurzprosatext mit Bildchen und bedauerlicher Lyrik feierlich mit Konfettipistole auf die Brust geschossen. Achso, ich bin Megan Fox. Ja. Geil. Wusste ich auch so.
Ich arbeitete mich also mit meinem Stift in der KORA auf Seite 45 (gleich neben den Werbeanzeigen von Duravit für das neue SensoWash Rimless Klosett oder der neuen BH-Kollektion von Sloggi) gedanklich in Schlängellinien den zerknäulten Pfad von Frage zur Frage – bis am Ende glasklar war, welcher Insel ich entspreche. Als Abziehbild meiner selbst im Gili-Insel-Roulette stellte sich Gili Meno heraus. Gili Meno ist die unaufgeregtere Insel von den drei Gili Inseln und in weniger als 2h zu Fuß umrundbar. Hier gibt es keine Autos – nur kleine, verwinkelte Schotterwege, auf denen ab und an eine Pferde-Ritscha vorbeigalloppiert. Weniger Tourismus, weniger Kommerz. Mehr Local-Lifestyle. Cooles Understatement. Wenn Gili Meno das Shanti unter den Gilis ist, dann ist Gili Trawangan das Mallorca Indonesiens. Und Gili Air ist die Tennissocke dazwischen.
Auf der Insel angekommen, gab es zwei Hostels. Eines beeindruckte vom Ambiente mit einer merkwürdigen, hippieartigen Sammelduschen-Intimität und hatte einen Besitzer, der aussah als hätte er beide Weltkriege überlebt und einen so schlimmen Autoverkäufer-Mundgeruch besaß, dass ich mich ununterbrochen fragte, was für ein Organ da eigentlich kaputt gegangen ist. Da ich auf dem Boot hierher eine Belgierin kennengelernt hatte, die den Besitzer kannte und hier die nächsten Wochen volunteeren will, schaute ich mir das Hostel erst einmal an. Bei dem Bier, das ich aus völlig falscher Höflichkeit zuließ, erzählte mir der Hostelbesitzer mit dem Namen „Jo“ viel vom Leben. Leute, die viel vom Leben erzählen, sind mit eben diesem eigentlich schon durch. Ich habe nicht fragen müssen, die Worte sprudelten aus seinen Zahnzwischenräumen gerade nur so heraus. Das war langweilig, aber bequem. Konnte ich mich hier von der Überfahrt kurz sammeln und ausruhen. Ich musste nur manchmal Zustimmung brummen oder auch mal leicht zweifelnd „well,…“ sagen und dabei den Kopf wiegen, was ja heißt: Ich höre genau zu, ganz genau – sprich bitte weiter. Er weiß nun, seitdem er auf den Gilis ist, wo der Rubel rollt und der Hase läuft und ich weiß seitdem, wie es bei ihm läuft: „Soooo good“. Jo war unhygiensch – damit fing es schon mal an. Jo wurde nichts geschenkt im Leben, außer schlechten Zähnen. Schon früh musste er eine Brille tragen und wurde dick. Heute trägt er ein dickes Horngestell und glaubt es sei „trendy“ – Bei ihm sieht es allerdings so aus, als sei ein Fisch volle Kanone gegen ein Aquariumglas geschwommen. Jo war eine dralle Quarktasche, die kaum was kann und doch alles tut. Nach zwei Bier in praller Sonne war es mir genug. Ich verabschiedete mich höflich und machte mich auf dem Weg zum Gili Gila Hostel, von dem ich viel Gutes gehört hatte. Auf dem Weg dahin wurde ich wieder halb nüchtern und bemerkte dabei erst, dass ich schon halb betrunken war.
Gili Gila ist ein neues, recht verwinkeltes Hostel, dass aktuell nur wenige Traveller beherbergen kann. Es ist ein Spielplatz für Erwachsene und das Zuhause von Pipi Langstrumpf und Super Mario. Der Community-Bereich umfasste einen riesigen, in der Erde eingelassenen Massivholztisch. Je nach Temperatur- und/oder Rauschamplitude konnte dieser Bereich auch als Pool umfunktioniert werden. Mein Zimmer war ein süßes 2er-Dorm und glich einem Hobbit-Loch ohne Fenster mit einer Größe, in der gerade mal zwei Betten passen. Regelmäßig stieß ich dumpf gegen die kalten, kleinen Höhlenwände. Ich habe mich morgens oft gefühlt wie ein Grizzlybär, der aus seinem Bau ins Freie torkelt . Hinter jeder Ecke im Hostel warteten neue Spiel- und Schauplätze im Freien. Die Köpfe hinter diesem Werk sind die zwei kreativen Franzosen Sebastiàn und Paul. Sie sind gerade dabei das Hostel weiter auszubauen und planen ein „Child’s Room“ mit einer Babywiege in Erwachsenengröße und einem Bällebad sowie ein „Grannie Room“, in welchem sich Traveller mit Großmutter-Ambitionen nicht nur um ihre Krampfadern und Falten Sorgen machen können, sondern auch einen Beobachtungsposten mit Blick in den Innenhof beziehen können, um „very German“ die Leute anzupöbeln, die es wagen den Rasen im Vorgarten zu betreten. In Planung ist sogar eine ganze Minigolfbahn, die durch das gesamte Hostel laufen soll. Doch was den wahrlichen Reiz dieses Hostels ausmachte, waren die Menschen hinter den Mauern. Angefangen bei Sebastiàn und Paul, die selbst mehr Hostelgäste als Eigentümer waren und der handvoll, wirklich gut selektierter Menschen aus aller Welt, die sich wie in einer gut sortierten WG regelmäßig und verlässlich am Esstisch niederließen, die Seele entleerten, die Zeit vergaßen und Mie Goreng von der Familie nebenan aßen. Hier gab es keine soziale Firewall, die einen daran hinderte andere Menschen kennenzulernen. Oder sogar Freundschaften zu schließen. Hier passierte alles gleichzeitig.
Es waren also nicht etwa die geschmacklichen Offenbarungen aus den gemütlichen lokalen Hinterhof-Restaurants oder die frischen Fruit-Shakes der kleinen Familienlokale an den endlosen Sandstränden. Es war nicht die Sonne, der Strand, das Wasser oder die bunten Meeresbewohner, die Gili Meno für mich zur Top-Experience gemacht haben – nicht mal der Lizard im Garten, der immer „Fuck it!“ gerufen hat (kein Scheiß!). Es war schlichtweg meine Gesellschaft auf der Insel. Am ersten Tag lernte ich Martin (Tschechien), Milena (Schweiz) und Dominik (Bayern) kennen. Um es kurz zu machen: Fortan waren wir mehrere Tage lang unzertrennlich. BFF! Ich glaube, dass wir erst am dritten Tag mal auf die Idee kamen, nachzufragen, was der andere eigentlich in seinem „real life“ so beruflich macht. Die Bulletpoints im Lebenslauf waren irrelevant, was zählte war das Hier und Jetzt – das Zusammensein und das merkwürdige Gefühl plötzlich auf Menschen zu treffen, die einem absolut fremd sind und trotzdem schlagartig das Gefühl gaben, dass sie zum engsten Freundeskreis gehören. Zusammen erlebten wir diverse Skurrilitäten, Feste, Strand- und Tauchabenteuer, Fishingtrips mit den Locals, Sonnenuntergänge auf einem Floß, kulinarische Explosionen und Implosionen, Sternennächte auf den Dächern der Insel und viele andere Abenteuer. Wir lernten zusammen weitere großartige Menschen kennen wie beispielsweise das feucht-fröhliche und coolste Honeymoon-Paar der Welt: Gabriel und Marià aus Venezuela. Ich hatte Spaß – es war wunderbar! Wir waren albern, verspielt, tiefgründig und reflektiert. Es wurde kommunikativ nie eng. Nach all der Einsamkeit auf den Salomonen habe ich auf den Gilis mein soziales Schaumbad erlebt.
Während meiner Reise um die Welt, erlebte ich auf Meno sowohl eines meiner absoluten kulinarischen Highlights, aber auch eines meiner unangefochtenen geschmacklichen Lowlights. Da die Insel eine fast schon dörfische Mentalität besaß, grüßte man binnen weniger Tage viele Bewohner mit Handschlag oder Highfives. Viele Locals boten gastronomische Dienste auf abgewetzten Kreidetafeln auf ihren eigenen Grundstücken an – Einfach, aber phantastisch lecker. Ein Lokal davon hatte nur ein Schild mit „Schnitzel“ am Gartenzaun hängen. Jeden Tag sind wir Vier an unserem „Schnitzel-Place“ vorbeigegangen. Jeden Tag waren die Tore verschlossen. Jeden Tag aufs Neue haben wir den herumlungernden Inhaber gefragt, wann es endlich Schnitzel gibt. Und jeden Tag wieder hieß es „tomorrow“. Wir wurden nicht müde und es wurde zur täglichen Routine und irgendwann ein Running Gag. Am letzten Tag auf der Insel dann endlich: Die Küche war geöffnet. Dass diese kleine Hinterhofbutze mit ein paar Stühlen draußen, die inzwischen nur noch von Pattex, Uhu und Tesa zusammengehalten wurden, solch ein kulinarisches Feuerwerk abfackelt, hätte ich im Leben nicht geahnt: Ein zauberhafter Mix aus einfacher, traditionell indonesischer Küche und raffinierter Moderne – In meinem Herzen brannte ein Sack Reis: Es war so unfassbar lecker! Lecker klingt eigentlich noch zu banal, um auszudrücken, was ich in dem Moment empfunden habe.
Das kulinarische Fiasko ereignete sich in einem Strandresort. Einmal haben wir einen Schweinedeal mit Paul gemacht und für das Hostelbier nur die Hälfte des Preises ausgehandelt. Der Preis sank, die Rauschamplitude an dem Abend stieg ausversehen höher als meiner Krankenkasse lieb ist. Am nächsten Tag schlich uns ein Kater schwermütig nach und da wir alle schon monatelang auf Reisen waren, haben wir uns plötzlich stark nach westlichen Köstlichkeiten gesehnt. Am besten schön ungesund. Also Pizza! Es gab auf dieser Insel aber nur ein Lokal, dass Pizza auf der Karte hatte und das war dieses kitschige Resort mit angebundenen Strandrestaurant – egal, hin da! Alles war perfekt. Der Tisch befand sich direkt am Strand. Die Bedienung lächelte. Die Sonne schien. Und ich hatte meine Buddies dabei. Perfekt. Dann der Blick in die Karte. Erstmal keine Auffälligkeiten. Napoli, Hawaii, Magherita, Frutti di Mare – alle Top-Stürmer waren im Kader aufgestellt. Für mich musste es an dem Tag aber eine Pizza sein, die den Klassikern maximal überlegen ist: Mehr Zutaten, mehr Gewürze. Einfach geiler. Während ich in Jakarta was Essen anging eher so eine Art Lizard war – also ein Gelegenheitsesser, der einfach nur rumliegt und stundenlang nichts isst und nur hier und da mal was snackt, war ich auf Meno ein mahlendes Meerschweinchen, bei dem die Schneidezähne nie still standen. Die Pizza ließ auf sich warten. 30min. 45min. Puh, dauert ganz schön. 60min. Wo bleibt die blöde Pizza. Kommt gleich. Achso. 90min. Gleich. Wirklich. 120min. Jetzt reicht’s! Wie ein Säbelzahntiger haben wir unsere Zähne ausgefahren. Danach die Klauen. Wir erwarteten mittlerweile nichts und bekamen noch weniger. Die Pizza, die nach über 2h auf unseren Tellern lag, war ein kulinarischer Irrtum. Sie war so absichtlich schlecht, dass ich Frank Elstner mit der versteckten Kamera hinter den Büschen vermutete. Doch Frank Elstner kam nicht. Die Pizza bestand aus rohem Teig auf der eine Käsepfütze und Schinken lag, der bereits vor sich hin oxidierte. Luftgetrockneter Schinken hat eigentlich das Image des Champagners unter den Pizzabelägen, doch vom Rand her trocknete er bedächtig der Ungenießbarkeit entgegen. Es kamen weitere Unfassbarkeiten hinzu, die ich nicht in Worte fassen kann. Der gesamte Nachmittag war so skurril, dass ich so viel und so ausgiebig lachen musste, wie lange nicht.
Unsere gemeinsame Zeit auf der Insel neigte sich viel zu schnell dem Ende entgegen. Dabei hatten alle ihren Aufenthalt bereits mehrmals verlängert. Milena und Martin sind zurück nach Bali gefahren. Dominik empfing Besuch von einer Freundin auf Gili Trawangan und ich habe mein Surfcamp auf Lombok gebucht. Bei der Überfahrt nach Lombok beschlich mich plötzlich eine schwerelose, auf mehreren Ebenen funktionierende Sinnleere. Zahlreiche Spiegel in meinem Kopf vervielfältigten das eigentlich Eindimensionale. Ich freute mich zwar auf eine Woche Surfen, aber mein kleines Herz kann langsam diese ständigen Abschiede von liebgewonnenen Menschen nicht mehr verkraften. Ich schlug also mal wieder ein Kapitel mit sensationellen Protagonisten zu und öffnete ein Neues. Mal sehen wer da so als nächstes in den Hauptrollen zu sehen ist.
Bis bald in Kuta, Lombok!
Hier die coolste Schildkröte Indonesiens: Fred!
Und hier der krankeste Energy-Drink der Welt: Extra Joss!












































