Nach dem schwermütigen Abschied von Konstantin ging es mit einem etwas leeren Gefühl weiter nach Granada. Hier habe ich mir im Hostel erstmal eine Suite gegönnt, was so viel ist wie ein 5qm Zimmer (ohne Fenster wohlgemerkt), in dem sich ein kleines Einzelbett mit (wow!) einem Tisch befindet. Das Luxus-Apartment kostete nur 5$ mehr als der Massenabfertigungsschlafsaal mit Schnarchoperrette von 10 Personen – also why not!
Gegen späten Nachmittag bin ich dann das erste mal auf Tuchfühlung mit der Stadt gegangen, um einen ersten Eindruck und Orientierung zu gewinnen. Und endlich: Endlich, endlich, endlich wieder normales Essen! Die kulinarischen Genüsse, die diese Stadt unerwarteterweise zu bieten hatte, ergossen sich über mich wie die Niagarafälle. Und auch sonst überrascht Granada mit einer soliden touristischen Infrastruktur – gerade soviel, dass man sich wohlfühlen kann. Gibt es in Honduras maximal eine handvoll Backpacker (und danach muss man schon gut suchen) und keine klassischen Touristen mit Samsonite-Köfferchen in der linken – und Stadtplan in der rechten Hand sowie Birkenstock am Fuß – sieht man in Nicaragua doch 1-2 solcher Exoten mehr rumrennen. Aber kein Wunder, in dem kleinen entspannten Kolonialstädtchen kann man es durchaus ein paar Tage aushalten. Imposante Kirchen (ich bin meinem Bildungsauftrag als Tourist nachgegangen und hab wirklich jede davon fotografiert – siehe unten) Kopfsteinpflaster, auf dem sich Kutschpferde die Füße wund treten, bunte Märkte, eine belebte Bar- und Restaurantmeile und der Nicaraguasee vor der Haustür. Und wenn man nicht gerade nachts mit dem iPhone wedelnd einsam seine Runden um den Block zieht, ist es auch relativ sicher. Wobei man nach 9pm unbedingt Taxis nutzen sollte. Eine Amerikanerin aus meinem Hostel wurde leider zur später Stunde überfallen. Das gab bittere Krokodilstränen.
Am nächsten Tag hatte ich über mein Hostel einen kleinen Ausflug zu den Las Isletas gebucht. Das sind circa 360 Miniatur-Inseln im Nicaraguasee, dem zweitgrößten See Lateinamerikas. Der größte ist übrigens der Titicacasee in Bolivien. Die Inseln sind ein Hochseilgarten für Kapuzineraffen, Weiß-Gesicht-Affen sowie Klammeraffen und ein Abenteuerspielplatz für tausende Vögel. Im See selbst tummeln sich Kaimane und Bullenhaie. Am Ende unserer kleinen Bootstour durch die tropischen Eilande haben wir uns auf einer Privatinsel den Bauch mit Snacks und Bier vollgeschlagen. Wir waren dabei eine kleine Gruppe bestehend aus durchweg angenehmen Menschen. Ein französisches Päarchen aus der Bretagne…und Jesus: Alle sprechen zu ihm, beten zu ihm und pilgern zu ihm, aber ich habe mit ihm ein Bier getrunken! Wir hatten direkt eine großartige Connection. Jesus kommt aus Orlando – Florida und ist eigentlich Venezolaner. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ausgerechnet kurz bevor mein eigentlicher Flug nach Venezuela starten sollte, den ich vor nicht allzu langer Zeit, der politischen und ökonomischen Situation geschuldet, gecancelt hatte, treffe ich jemanden mit venezolanischen Wurzeln. Natürlich musste Jesus ein Meer von Fragen über sich ergehen lassen, da die Reise nach Venezuela eigentlich ein Herzenswunsch von mir war. Und er hatte so einige Antworten. Die wichtigste aber war: “To cancel the flight was the best decision you could have made!”
Hier ein kleiner Exkurs: Venezuela – eigentlich ein Land mit den reichsten Naturschätzen unserer Erde – ist das Hansa Rostock des Fußballs: Eine arme Sau, die immer weiter in der Liga abrutscht – geführt von schwarzen Schafen und ein Autokorso voll Problemen und bösartigen Anhängern. Ich habe mich intensiv auf Venezuela vorbereitet – alle anderen Länder beiseite gelegt – weil mir schnell klar wurde, dass es zur Vorbereitung mehr als einen kurzen, sporadischen Blick in den Lonely Planet bedarf. Viel mehr. Allein um das Thema “Exchange Rate” zu durchleuchten, braucht man ein paar aufblinkende Glühbirnen mehr über seinem Kopf. Hier gibt es etliche Wege seine ausländische Währung zu tauschen. Wenn man den offiziellen Weg geht, ist Venezuela womöglich das teuerste Land der Welt. Geht man den Weg über den Schwarzmarkt (mit einer hohen Wahrscheinlichkeit danach als reicher Tourist eine Kugel im Kopf zu haben), ist Venezuela das wohl günstigste Land der Erde und man selbst schwimmt auf einmal wie Dagobert Duck in Säcken voll Geld in seinem 1€-teuren Luxus-Appartment mit einem 0,30 Cent teueren Luxus-Bier in der Hand. Die einheimische Währung ist hier nichts mehr Wert. Für ein paar Dollars, bekommt man einen Koffer voll Bolívar zurück. Kein Witz. Mal abgesehen von der weltweit höchsten Inflation, hat das Land keine Lebensmittel mehr. Coca Cola hat die Produktion eingestellt – kein Zucker. McDonald’s kann keine Pommes mehr verkaufen – keine Kartoffeln. Es gibt kein Toilettenpapier mehr und für die restlichen Lebensmittel müssen sich die Leute stunden- und tageweise in Schlangen stellen. Es werden Marken verteilt, die sich nach den Passnummern der Bürger richten. Je nachdem welche Passnummer man hat – kommt man entweder in ein paar Stunden oder in 3 Tagen ran. Der Schwarzmarkt für Lebensmittel boomt. Vor Tankstellen wird im Auto übernachtet, um die Schlange nicht zu verlassen – vielleicht kommt man ja morgen endlich dran. Für ein Glas Nutella muss man in Venezuela übrigens ein halbes Jahr arbeiten – Um sich ein Auto zu kaufen 3 Leben. Die ärmste Bevölkerungsschicht isst Straßenhunde- und Katzen, um sich zu ernähren. Jesus fliegt jeden zweiten Monat nach Caracas mit zwei Koffern voll mit Cereals, Nutella und weiteren unmöglich erwerbbaren Lebensmitteln für seine Mama und seine Schwestern. Das ganze Dilemma mündet in einer schwindelerregenden Kriminalisierung. Express-Kidnapping ist dabei eine der Haupteinnahmequellen. Auch Jesus hatte bereits mit zwei Knarren an der Schläfe das Vergnügen. Was soll ich sagen…ich denke ich habe eine gute Entscheidung getroffen. Ich werde warten bis sich die Situation irgendwann entschärft und eines der wahrscheinlich schönsten Länder unserer Erde halbwegs unproblematisch zu bereisen ist. Das wird womöglich eine sehr lange Wartezeit.
Zurück nach Nicaragua: Nach unserer kleinen Spritztour auf dem Nicaraguasee haben wir alle zusammen noch im Hostel am Pool in geselliger Runde abgehangen, später in einer Bar und nochmal ein paar Nica Libré später ging es ins legendäre Treehouse. Dafür springt man irgendwo in der Stadt auf einen Pick Up und fährt 30 Minuten ins Nirgendwo. Dann geht es noch einen kurzen Hike durch den Dschungel bergauf. Es war Nacht, um einen herum eine handvoll betrunkener Leute aus aller Welt, die alle ein Ziel hatten: Die Suche nach dem Bass. Nach einer Weile dröhnte dieser erst leise, dann immer lauter durch das dichte Geäst. Und dann steht man auf einmal in einem zur Tanzfläche umfunktionierten Baumhaus: Lichter, Drinks, Drinks, Drinks, stumpfe Elektrobeats, bemalte, halbnackte Menschen, Hängebrücke, Kokainschniefen auf offener Tanzfläche – alle außer Rand und Band – mitten in der Wildniss, rundherum nichts. Ich bin zu alt für den Scheiss, aber man muss das wohl mal gesehen haben.
Als Katerfrühstück gab es dann ein grandioses Egg mit Bacon – und einen Bloody Mary! Was für ein kulinarisches Upgrade nach dem letzen Monat! Danach musste ich Jesus schon wieder verabschieden – für ihn ging es zurück in die USA. Das war sehr schade, weil wir nach nur 24h einen tollen Draht zueinander aufgebaut hatten und es nach all den oberflächlichen Trivialkonversationen in der letzten Zeit mit anderen Reisenden sehr erfrischend war. Aber vielleicht treffen wir uns schon bald in Kolumbien beim Lost City Trek wieder.
An meinem letzten Tag in Granada war ich übrigens Superwoman! Ich habe eine Canopy Tour auf dem Vulkan Mombacho in der Nähe von Granada unternommen. Es hat einfach SO viel Spaß gemacht! Aufgrund der langsamen Internetverbindung kann ich leider nur 5-Sekünder-Stunts hochladen – siehe unten. Nach dieser Injektion Adrenalin, kam der Downer und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl von Alltag: Wäsche waschen, Finanzen regeln, Emails schreiben. Ein weiteres Lowlight: Ich musste meine Suite verlassen und in ein Dorm umziehen. Gegen Abend war ich dann aber doch noch freizeitlich unterwegs: Ein Abendmahl mit einer in London lebenden Polin – meiner neuen Mitbewohnerin für die Nacht und ein extrovertierter Bulldozer!
Zum Ende meines Nicaragua-Aufenthalts möchte ich nochmal klarstellen, dass das Freundlichkeitsbarometer der einheimischen Bevölkerung von Guatemala nach Nicaragua erschreckend abgenommen hat!
Während ich diese Zeilen hier schreibe, sitze ich bereits in Panama City, dem Miami von Lateinamerika, schlürfe einen braunen Kaffee-Cocktail aus Milchpulver und Zuckerwürfeln und schaue auf die herrschaftliche Skyline der Stadt. Gleich werde ich noch einkaufen gehen, denn morgen startet mein 5-tägiger Segeltörn von den San Blas Inseln nach Kolumbien! Buen, buen, buen!
PS: Auf dieses Wege viele Grüße an meinen größten Fan, Frau Hummitzsch Senior, haha!










































Also ich glaube bei dem größten Fan liegst du falsch…
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stimmt, ich bin auch größter Fan! Ich liebe deine Metaphern. Aber was hast du gegen Birkenstock??
Interessante Stellung übrigens, die Tarzan und du da beim Ziplining einnehmen…
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