Burn out & Chill out in Palomino

Direkt einen Tag nach dem Trek musste ich mich leider von Jesus verabschieden, der wieder zurück nach Florida geflogen ist. Noch recht nebulös im Kopf von der letzten Nacht habe ich mich kurzerhand entschieden meinen Weg an der kolumbianischen Karibikküste in Richtung Osten fortzusetzen. Santa Marta war nüchtern betrachtet angetrunken irgendwie mitreißender.

Eigentlich wollte ich unbedingt den Tayrona Nationalpark besuchen. Dieser und noch ein paar andere Nationalparks hatten aber bedauerlicherweise bis Ende Februar geschlossen, um sich von den Fußtritten der Touristen über die Weihnachtsfeiertage zu erholen. Ich habe mich grün und blau geärgert. Schlechtes Timing! Ein weiterer Showstopper war, dass ich auch noch den Karneval in einer der explosivsten lateinamerikanischen Hochburgen verpasse: Barranquilla – nur zwei Stunden von Santa Marta entfernt. Ich war daher wutgetränkt und hätte mein Gesicht gern in Reis und Bohnen vergraben – blieben mir durch dieses organisatorische Missgeschick nun eine der heißesten Partys des Jahres und eines der schönsten Nationalparks Kolumbiens verborgen.

Wohin also? Von ein paar Leuten aus dem Hostel hatte ich gehört, dass Palomino, ein kleiner Ort an der karibischen Küste, ganz entspannt sein soll. Zudem wusste ich, dass Lui, meine alte Schulfreundin, die ich zufällig in Cartagena getroffen hatte, ungefähr auch um die gleiche Zeit vor Ort sein müsste.

In Palomino angekommen, stand ich erstmal da wie ein ausgesetzter Golden Retriever – niedlich, treudoof – aber kein Plan von nix. Ich hatte mich weder vorbereitet wohin ich eigentlich fahre, noch wo ich unterkommen soll. Dann ging die Suche nach einem angemessenen Hostel los. Um hier ein Bett für die Nacht zu finden, braucht man entweder viel Geduld oder viel Geld. Beides ist bei mir nicht zu holen. Vier Hostels – kein Bett. Fully booked. Also wirklich – so abgefahren war der Ort jetzt auch nicht. Nach viel Umhergelaufe und Gequatsche bin ich endlich fündig geworden.

Ich hatte ein klares Ziel für die nächsten fünf Tage: Mein Leben organisieren und meinen Dauerhusten los werden. Ich huste seit knapp einem Monat tonnenweise Schleim von meinen Bronchien. Meine Lunge ist mittlerweile eines der bekanntesten Schleimabbaugebiete hier in der Gegend. Die Ressourcen – unerschöpflich.

Da sich mittlerweile viele organisatorische Lästigkeiten angestaut haben, hatte ich mir zum ersten Mal nach fast zwei Monaten mal wieder eine ToDo-Liste geschrieben. Einzig, um den inneren Druck zu erhöhen. Merkte aber schnell, dass Frist und Frust nur ein u trennt. Es fiel mir wahnsinnig schwer Dinge, die mein Leben aktuell Struktur verleihen, anzugehen. Eine einfache Überweisung zu tätigen, hat mich drei Stunden gekostet. Zwei davon allein um darüber nachzudenken, ob ich es jetzt oder später oder morgen machen soll. Eine weitere Stunde stand ich mal wieder im erbitterten Kampf mit dem desolaten Wifi. Jemand dessen Beruf aus Deadlines besteht (das klingt schon so unglaublich lebensbejahend…) versteht es anscheinend gerade jetzt als eine Akt der Auflehnung diese als nichtig zu betrachten. Gleiches gilt für Wäsche waschen oder die nächsten Flüge und Hostels buchen.

Emails und weitere Überweisungsaufforderungen blieben also erstmal weiterhin ungeöffnet liegen wie eine Klosterschwester. Das hat mich wirklich frustriert. Ich wollte, aber konnte nicht – Mental breakdown. Mein Geisteszustand – eigentlich eine strukturstarke Region – verwahrlost hier zum dreckigen Randbezirk. Selbst das Lesen von Nachrichten in jeglichen sozialen Netzwerken wurde zur Belastung – es stresste mich und war wie eine menschliche Hundeleine. Irgendwie ging es mir besser ohne Internet – und gleichzeitig wollte ich nicht drauf verzichten, da mein Dosentelefon nach Deutschland dann keinen Empfang mehr hätte und meine ToDo-Liste weiterhin unabgehakt bliebe. Die Zeit rannte davon und ich hatte immer noch nix im Griff.

Weiterer Downer: Antworten auf oberflächliche Traveller-Fragen wie “How are you”, “Where are you come from”, “Where have you been so far” oder “Where are you going next” bete ich inzwischen lückenlos im Schlaf auf einem Zeh runter. Ich kann die andauernden Fragen, die zweifelsfrei berechtigt sind am Anfang eines neuen Kontaktes, gerade nur noch mit einem Pils aus hornhäutigen kolumbianischen Kioskhänden ertragen. Wenn man so oft den Ort wechselt wie ich, lernt man reihenweise Leute kennen, denen du dich erklären willst – und manchmal (gerade hier) leider – musst. Ich bin etwas ausgebrannt. Soziales Burnout! Oft entstehen daraus zwar inspirierende Gespräche oder gar Freundschaften – weiß man aber, dass man selbst oder der andere sowieso in ein paar Stunden den Abflug macht, lohnt sich die Investition für mich nicht mehr. Ich hasse Smalltalk und würde lieber gleich direkt zum Bigtalk wechseln. Mich umgab zudem eine seltsame Sehnsucht nach dem glühweinwarmen Schoss Vergangenheit und Zukunft in Deutschland. Der Break Even meiner bisherigen Reise war erreicht und es wehte für zwei Tage in ein leichter Wind von Lethargie.

Am dritten Tag habe mich dann endlich durchringen können alles Anstehende und Hängengebliebende abzuarbeiten: Sortieren. Abheften. Abschicken. Ein befriedigendes Gefühl sein Leben wieder im Griff zu haben! Dann habe ich zufällig Nikki von meinem Segeltrip nach Kolumbien und auch Lui wiedergetroffen. Das hat mich ziemlich schnell wieder aus meinem Tiefdruckgebiet rausgezogen. Bewaffnet mit einer Fasche Aquardiente haben wir uns am geschäftigen Strand von Palomino gegenseitig unsere Lebensläufe bis in den späten Abend hinein vorgetragen. Seit 15 Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen – da ist einiges passiert. Waren wir doch als vorpubertierende Teenager voll “dicke” miteinander. Hey Lui, wenn du das hier ließt: Bussi und wir sehen uns dann in Madagascar! 🙂 

Die nächsten zwei Abende habe ich mich zum Chiasamensalafist gemausert und leckere vegetarische Gerichte aus gesunden, regionalen Zutaten zusammen mit Lui, ihrer Schwester und ihrer ungarische Freundin auf deren Campingplatz gekocht. Meine Abende wurden dann meistens ganz entspannt am Strand mit Sternschnuppen, ein paar Bier und Kerzen im Sand versüßt.

An Palomino hat mir vor allem gefallen, dass alles einfach so lässig ist. Keine aufgeregten Partys mit jungen Wildwuchs – eingehüllt in T-Shirts aus Thailandurlauben mit der Aufschrift “Full Moon Party – xyz Island 2009” – sondern hier mal eine Hängebrust-Filzlaus und da mal ein entspanntes Marijuana-Gesicht. Apropos Marijuana: Gras wird hier gern in allen möglichen Lebensmittelformationen gemischt (hauptsächlich aber Gebäcke jeglicher Art) und mit dem vom TÜV geprüften Prädikat “Happy” auf den Straßen verkauft. Palomino “Downtown” ist eigentlich nur ein kleiner Straßenabschnitt mit Locals und ab und zu ein paar Kogis, die sich aus ihren indigenen Dörfern hierher verirren. An der Hauptstraße gibt es genauso viele Drogerien wie Menschen. Von hier zweigt eine lange Schotterstraße gen Beach ab und mit jedem Schritt mehr Richtung Wasser wird es touristischer. Tourismus ist hier allerdings keine schnöde Analogie zu den Bettenburgen an der türkischen Riviera, sondern eher eine wilde Mischung aus günstigen Hostels, Campgrounds und Hängematten für 4-5 Dollar die Nacht – dazwischen ein paar Gemüseläden und entspannte Restaurants. Neben den ganzen zottelhaarigen Schmuckverkäufern und einer kleinen Veganermiliz gibt es auch noch eine handvoll Surfer. Der Strand hingegen war “nice to chillax” – aber nach den San Blas Islands wird mich so schnell kein Strand mehr beeindrucken, fürchte ich.

Ich habe übrigens eine neue Frucht für mich entdeckt: Guanábana. OH MEIN GOTT! Am liebsten würde ich LKWs voll damit einkaufen und nach Deutschland verschiffen! Saulecker! Am besten als Milchshake oder Jugo naturales trinken!! Nachdem mich Piotr, ein Pole – den ich im Hostel kennengelernt hatte, mit dem für mich ab jetzt leckersten Getränk der Welt bekannt gemacht hat, kam ich nicht mehr los davon. Im Ort habe ich eine Guanábana-Mutti gefunden, die mir morgens, mittags, abends einen Shake gezaubert hat. Am zweiten Tag hatte ich bereits einen special Discount und ihr breites Grinsen für mich sicher.

Meine Zeit hier ging am Ende schneller vorüber als gedacht und ich war sowas von bereit für ein nächstes Abenteuer. Palomino sollte für mich eher sowas wie ein Reha-Aufenthalt sein, um mich auszukurieren und mir die Zeit zu geben, all die vergangenen Erlebnisse zu verarbeiten und abzuheften. Ich habe hier für mich herausgefunden, dass ich beim Reisen einfach nicht lange an einem bestimmen Ort sein kann. Ich brauche den Change, den Roadtrip und immer wieder andere, neue Eindrücke. Es war also Zeit weiterzuziehen. Gern hätte ich noch mehr von Kolumbien gesehen, aber ich habe nur ein kurzes Zeitfenster und muss mich daher auf einzelne Regionen in einem Land konzentrieren – quasi cherry picking. Von dem was ich bisher von Kolumbien gesehen und erlebt habe und vor allem was den Vibe und die Menschen hier angeht, verstehe ich nun voll und ganz, warum es dieses Land auf Platz 2 in “Lonely Planet’s – Best in Travel 2017” geschafft hat. Mit dem Rückzug des Paramilitärs ist in den meisten Regionen Frieden eingezogen und mit ihm immer mehr interessierte Backpacker. Man spürt den Aufbruch und ich empfehle jedem Kolumbien sehr bald zu besuchen, bevor der kommerzielle Tourismus durch die Straßen weht.

Vor mir stand nun der lange, weite Weg zu dem wahrscheinlich schönsten Ort der Welt: Den Galápagos Inseln in Ecuador. Von Palomino ging es mit dem Bus zurück nach Santa Marta. Von dort mit dem Flugzeug nach Bogóta, der Hauptstadt Kolumbiens. Am nächsten Tag weiter mit dem Flugzeug nach Guayaquil in Ecuador, um den folgenden Tag dann von dort auf die Galápagos Inseln zu fliegen. Ein beschwerlicher Weg, gerade auch weil Fliegen bekannterweise zu meinen Top-Hobbys zählt…aber mit dem Galapagos Inseln habe ich mir einen Traum erfüllt und klopfe mir seitdem jeden Tag 5 mal auf die Schulter…Also…später mehr von Wetter und Verkehr.

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