Nach über 23h reine Flugzeit von Guayaquil zurück nach Panama City über Los Angeles bin ich erschöpft, aber mit voller Vorfreude in Auckland gelandet. Zeitgleich hat sich Konstantin in Deutschland in Bewegung gesetzt und sollte noch am gleichen Tag über die chinesische Mauer in Neuseeland eintreffen.
Gibt es in Europa nur eine gefährliche Schlange, die Kreuzotter – wimmelt es am Airport Auckland nur so von gigantischen Schlangen: Die größte Population davon war bei der Passkontrolle sowie bei der Deklaration von Waren und der Biosecurity-Control anzutreffen. Wie habe ich es gehasst stumpfen Chinesen mit Schneckengetriebe dabei zusehen zu müssen, wie sie tonnenweise Kisten voll mit merkwürdigem Essen aus- und wieder eingeräumten. Warum zum Teufel reist ein Chinese neben seinen 13 Koffern für Klamotten und Hightech-Equipment noch mit 10 Kisten Essen durch die Gegend?! Dann platzt hier die Reistüte auf, dann dort die Diskussion, ob dieser oder jener Hähnchenschenkel mit ins Land darf oder nicht…
Die Kontrollen fühlten sich hier fast noch strikter an als auf den Galápagos. Überall wird einem mit Filmen oder Plakaten ins Gewissen gehämmert, Essen oder Gegenstände, an denen sich organische Reste befinden könnten, sofort zu eliminieren oder zu deklarieren. Fehlten nur noch Flugblätter, Flugzeuge, die ganze Plakat-Planen hinter sich herziehen oder Autos, die durch die Gates fahren und Zoll-Parolen aus ihrem Lautsprecher schreien. Obwohl ich in jedem Fall meine dreckigen Hiking-Boots und Taucherbrille deklariert hatte, fühlte ich mich schuldig. Beides wurde desinfiziert und nach langen drei Stunden bin ich endlich als Erste von uns beiden in unserem süßen Airbnb in einem Vorort zwischen Airport und Auckland City angekommen. Nach meinem hygienischen Upgrade in die Body Buisness Class war an Schlaf nicht zu denken. Ich war zu aufgeregt: So hatte einen kleinen Kulturschock – quasi umgekehrt – zu verarbeiten. Alles war auf einmal so modern und einfach. Ich habe jeden auf einmal verstanden und jeder mich. Die kleinen Briefkästen vor den Vorstadthäusern aufgereiht am Straßenrand zu sehen, bedeutete nicht nur die Migration des postalischen Intimbereichs auf die Straße, sondern für mich nach zwei Monaten Lateinamerika endlich wieder in einem geordneten Land mit einem gewissen Sicherheitsanspruch zu sein, in dem die Tageszeitung oder der Brief von Oma mit ein paar Kröten für’s nächste Eis nicht nach 10min bereits aus dem vermeintlich durchs Postgeheimnis geschützten Briefkasten in die Hände unrechtmässiger Besitzer wandert. Alles war plötzlich so strukturiert und machte Sinn. Ich bin von jetzt auf gleich vom Typ “Bambus” zum Typ “deutsche Eiche” mutiert – wusste natürlich auch, dass sich diese Ordnung, die Richtlinien und Regeln und die Einfachheit, an Dinge zu kommen schon bald sehr morsch anfühlen wird. In der westlichen Welt angekommen zu sein, bedeutete aber auch die monströsen Preise in den Supermärkten aushalten zu müssen. Den Reality Dimmer angeschaltet, kaufte ich erstmal eine Kleinigkeit für großes Geld ein. Ich plante bereits mein Auswandererleben in einem spiessigen Vorstadthäuschen – Logistik und Grundstückkauf – alles war in trockenen Tüchern. In meinem Kopf habe ich schon Petersilie angepflanzt, da stand auf einmal Konstantin vor der Tür. Was für eine Freude!
Am ersten Tag waren wir damit beschäftigt unseren Camper-Van abzuholen und einzukaufen. Der grobe Plan war von der Nordinsel zur Südinsel zu fahren, dabei so viel Zeit wie möglich in Nationalparks und Natur abzuhängen. Weiter reichte der Plan nicht. Unser Auto war ein schlecht ausgebauter Mitsubishi, der augenscheinlich seine wilden Jahre hinter sich hatte und bereits sein rostiges Rentnerleben fristete. Wie sehr hatte ich mir unseren Volkswagen-Bus mit intelligent-ergonomischem Westfalia-Ausbau in dem Moment gewünscht. Hier hatte ganz offensichtlich ein KFZ-Lehrling im ersten Lehrjahr seine Hände im Spiel und kein ausgebildeter Werksingenieur. Das Ausnutzen von dem sowieso schon wenigen Stauraum für etwaige Ablage-, Wegsortier- oder Verstauflächen wurde schlichtweg nicht erkannt und stattdessen versucht in versierter Uhu-Alleskleber-Manier die Einzelteile zusammenzuhalten. Oder auch eben nicht. Strafverschärfend haben sich die bunten “Hippie”-Blumen ausgewirkt, welche auf die Karosserie des Wagens gepflastert wurden. Ausgeliehene Camper, die nicht viel kosten sollen, haben in Neuseeland anscheinend die Eigenschaft besonders hässlich zu sein. Leute, die das Land schon mal bereist haben, wissen was ich meine. Wir Menschen neigen ja dazu alles zu verspitznamen. Meistens sind Spitznamen eine kreative Zuwendung oder das liebevolle Herausheben eines elementaren Features. Wenn wir also schon Menschen und Gegenstände in Schubladen stecken, dann doch mit einem hübschen Messingschild dran: Also tauften wir das Auto Flo wie Flora. An guten Tagen auch Flori. Hätten es aber auch Schrotti wie Schrott nennen können.
Mit ein paar Salzstreuern mehr und vollem Tank ging die Reise endlich los und nach unserer ersten Nacht an einem liebreizenden Fluss inmitten der Natur sind wir an unserem ersten Ziel, den Waitomo Caves mit tausenden von blauen, von der Decke zappelnden Glühwürmchen – der Unique Selling Point dieses Point-of-Interest, angekommen. Ich hatte nur flüchtig davon gelesen und wollte mich unbedingt im Black Water-Rafting erproben. Was soll ich sagen. Wenn ich schon zwei Info-Center, ein Sovenirshop mit bis zur Decke gestapelten Kuschel-Glühwürmchen in Größe S, M, L und für Jin Chang Jon auch in XXL sowie einfahrende Busse vollgefercht mit selfiestick-wedelnden Chinesen sehe, könnte ich auf der Stelle wieder umdrehen. Im Infocenter der nächste Downer: Das Black Water-Raftig und Abseiling wird hier kommerziell ausgeschlachtet wie ein argentinischer Angus-Bulle. Bei 300 Dollar sind wir direkt ausgestiegen. Da wir nun aber schon mal hier waren, haben wir uns für die günstigere, aber immer noch teuere Standard-Bootstour durch die Caves entschieden. Kameras waren nicht erwünscht – oder kosten extra – oder was weiß ich. Vor allem aber kosteten die Caves meine Sonnenbrille, die ich dort zum letzten Mal gesehen habe. Mittlerweile war ich so angepisst wie jeder zweite Stromkasten in Hamburg – St. Pauli. Das Touri-Programm wird alle halbe Stunde abgespult. Ich habe mich wie ein Fischstäbchen auf dem Fließband zur Packstation gefühlt. Alles war getaktet und folgte einem festen Konzept. Die Glühwürmchen waren nett, aber nicht ansatzweise zu vergleichen mit den Würmchen in den Weiten des honduranischen Dschungels. Allein weil ich nicht zwanzig Asiaten auf meinen Füßen stehen hatte. Wie aufgeregte Hähne flatterten die größtenteils aus China importieren Exemplare vor uns herum. Wo bleibt denn da die artgerechte Haltung. Ich fordere sofortige Auswilderung oder zumindest artgerechte Haltung der asiatischen Exoten in Überseeländern!
Wir entschieden uns weiter in Richtung New Plymouth zu fahren. Konstantin hatte bei der Google Bilder-Suche in der Nähe einen wirklich coolen Berg gefunden. Ja, wir waren echt schlechte Touristen. Es stellte sich nach etwas intensiverer Recherche letztlich heraus, dass dieser Berg Taranaki heißt und die ganze Region ihren Charme haben soll und nicht unbedingt von Touristen überrannt wird. Tiptop! So ließen wir weitere Touristen-Hotspots wie Rotorua (Heiße Quellen, Schwefel, Gesire, Touri-Busse) aus und sind direkt in die Taranaki-Region gefahren. Ein schweißtreibender Day-Hike durch Wälder mit uralten, überwucherten, knochigen Bäumen hat uns direkt zum besten View Point geführt. Herrlich, in welch majestätischer Anmut der Taranaki mit seinem eigenwilligen Regenbogenmuster auf uns herabgeschaut hat. Über den “Lost World”-Highway sind wir dann weiter Richtung Whanganui Nationalpark gefahren. Die Landschaft wechselte von surreal anmutenden und saftig grünen Hügeln, von denen kleine Hobbits winkten, zu verzauberten Wäldern, die von glasklaren Flüssen durchbrochen wurden. Ab und zu durchquerten wir urige Tunnel und abgelegene Dörfer, in denen man sich wie in einem alten Western der 70er Jahre gefühlt hat. Hier war die Zeit definitiv eingefroren.
In Taumarunui angekommen – quasi der Startpunkt für jegliche Abenteuer auf dem Whanganui-Spielplatz – haben wir uns erstmal einen Kanu-Outfitter gesucht, bei dem wir die Kanus für unsere lange Reise auf dem Whanganui-River ausleihen konnten und der für uns auch gleichzeitig die gesamte Logistik übernahm. Danach haben wir uns mit reichlich Proviant eingedeckt, denn es ging für ein paar Tage in die Wildnis, fernab der Zivilisation – auf dem drittlängsten Fluss Neuseelands durch reißende Stromschnellen und mystische Flusslandschaften. Behaglich glitten wir durch geheimnisvolle mit Moos, Lianen und Fahnen bewachsene Felsen dahin – das Zirpen der Grillen und Zwitschern fast schon tropisch-klingender Vögel als Beat-Box immer dabei. Am Tag sind wir durchschnittlich zwischen 5-6h gepaddelt. So konnten wir zeigen, dass in unseren Körpern noch reichlich Suppe kocht. Einmal haben wir für ein paar Stunden auch unser Floating Home verlassen, gegen Wanderschuhe getauscht und sind in die Tiefen des Nationalparks zur “Bridge to Nowhere” gehiked – einer abgelegenen Brücke inmitten von grünen Regenwald. Ab und zu hatten wir es auch mit technisch anspruchsvollen Stromschnellen zu tun. Meistens leutete ich die Durchquerung von diesen Gebieten mit einem grundoptimistischen “Oh Gott, das schaffen wir nie” stimmungsvoll ein. Dann gab es ein kurzes Briefing, indem wir die Stromschnelle von Weitem inspizierten und unsere Do and Don’ts herausanalaysierten. Danach folgte ein kurzes Brainstorming mit Lösungsansätzen und mit viel Hektik ging es dann ins actionreiche, nasse Abenteuer. Es ist nicht unüblich, dass man auf dem Whanganui auch kentert, aber wir sind natürlich viel zu professionell für diese Art von Fail. Unser Lager haben wir immer direkt am Fluss aufgeschlagen. Außer einer kleinen Familie aus Hawaii und einem jungen Paar aus Deutschland, waren wir die einzigen, die sich zu der Zeit auf der Route befanden. Man begegnete sich, wenn auch nur im jeweiligen Camp – ansonsten vollkommene Einsamkeit.
Das deutsche Paar, vermutlich aus Gelsenkirchen, ist uns am Anfang mit ihrer Oberschüler-Lyrik ziemlich auf den Geist gegangen: “Naja, da direkt am Fluss würden wir das Zelt jetzt lieber nicht aufbauen. Es soll stürmen heute Nacht – macht das besser nicht. Nein, nein. Wirklich, besser nicht. Also wir gehen eher dort hin. Dort ist es geschützter. Das solltet ihr auch machen. – Ey?! Hallo?! Kümmert euch um euren eigenen Hof und baut meinetwegen einen Blitzableiter und Schutzbunker drum, wenn ihr dann besser schlafen könnt. Wir sind hier nicht in der Sauna-Ruhezone! Verschwindet in euer omastrumpffarbendes Zelt mit Raktenabwehrsystem und zieht euch eure Sturmhauben über den Kopf! Gedankenstrich Ende. Wenn die gewusst hätten, dass wir gar nicht im Zelt, sondern nur im Biwak geschlafen haben, hätten sie wahrscheinlich -safety first- ein Sanitätszelt neben uns aufgebaut. Die erste Nacht unter offenem Sternenhimmel zu schlafen, die Milchstraße in einer derart ausgeprägten Intensität über unseren Köpfen, ein paar funkelnde Kerzen neben uns und den Fluss zu unseren Füßen zu sehen, war eines meiner absoluten Neuseeland-Highlights.
Jeder Abschnitt des Whanganui hatte seinen eigenen Charakter. Mal stiessen wir auf geheimnisvolle Höhlen, mal auf tropisch zugewuchterte Steilhänge oder Wasserfälle, mal auf knöchrige Waldlandschaften. Auch das Wetter hatte immensen Einfluss auf die Atmosphäre. Die ersten beiden Tage sind wir meist mit strahlendem Sonnenschein über den Fluss gejagt, während wir am letzten Tag mit strömendem Dauerregen abgestraft wurden. Wobei diese Passage atmosphärisch und von den Stromschnellen trotz oder gerade wegen des Starkregens der beste Ritt war. Morgens war der gesamte Fluss und die anliegenden Steilhänge eingehüllt in magische Nebelschwaden – alles war so vollkommen und friedlich – nur der Regen durchbrach die mystische Stille.
Nach unserem intensiven Intermezzo mit Mutter Natur wollten wir als nächstes dem Lockruf des Tongariro Nationalparks folgen, in welchem eines der schönsten Day Hikes der Welt auf uns warten sollte. Aber leider hatte der Wetterbericht für die nächsten zwei Tage nichts Verheißungsvolles zu vermelden. Der Tongariro Track soll aufgrund von massivem Sturm unpassierbar sein. Das war ein ziemliches Adventure-Downgrade – und es wurde uns einmal mehr bewusst: In Neuseeland steht und fällt vieles mit der aktuellen Wettersituation. Kurzerhand entschieden wir uns weiterzufahren. Nächster und letzter Stop auf der Nordinsel sollte also Wellington sein. Hier angekommen, haben wir direkt noch zwei Fährtickets für die Überfahrt nach Picton auf die Südinsel ergeiert. Auch wenn wir nur kurz in Wellington waren – ein Bier in einer hippen Bar und ein grandioses Essen bei dem angesagtesten Italiener der Gegend enjoyed haben – die Stadt mit ihrem lässigen Vibe und ihren durchweg freakigen, sehr eigenwilligen Leuten hat uns von Anfang an mitgerissen. Empfehlenswert!
Da die Südinsel noch ein wenig vielschichtiger sein soll als die Nordinsel, hatten wir von Anfang an mit einer 1/3 – 2/3 – Kombination geplant – 1/3 des Monats auf der Nordinsel und 2/3 auf der Südinsel. Nach unserem ersten Aufenthalt in einer neuseeländischen Stadt ging es dann also mit der Fähre am späten Abend ins zweite Drittel – Richtung Süden.








































WOW! So ein toller Einblick und so schöne Bilder!
Wirklich ein sehr gelungener Beitrag 🙂
Liebe Grüße an dich und eine schöne Woche 🙂
Laura
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