Nachdem der One Night-Stand mit Brisbane nicht ausreichte, um Körper & Seele wieder an die zivilisierte Welt zu gewöhnen, habe ich mich entschlossen erstmal drei Tage Rehab in Jakarta zu machen. Ja genau. Diese völlig überfüllte Hauptstadt Indonesiens, in der die Smogwolke in etwa so dicht ist, wie die Teerablagerungen auf Helmut Schmidts Lunge kurz vor seinem Ableben und die Einkaufstüten in den vielen Shopping-Malls ungefähr so voll sind, wie Jenny Elvers nach 10 Gläsern Gin Tonic. Jakarta ist die Gina Lisa unter den Städten: Sie riecht wie schwüler Kettenraucheratem, beherbergt Teile, die dringend mal gerelauncht werden sollten und hat dabei einen Sound, bei dem sich selbst die hinterste Gehirnzelle noch Ohropax in die Ohren schiebt, um nicht abzusterben. Seien wir ehrlich. Es handelt sich, abgesehen von ein paar interessanten Ecken und den durchaus gesundem, schmackhaftem Essen, um eine Drecksstadt mit einem redundanten, fast mörderischen Verkehrsaufkommen. Und trotzdem: Ich befand mich plötzlich im Paradies.
Es war Ostern und ich bin bei einem sehr liebevollen indonesischen Ehepaar untergekommen. Mein privates Apartment stellte sich nach Monaten des Diskomforts als ein moderner Palast auf 15qm heraus: King-Size Bett, Schreibtisch, mehrere Schränke, ein High-Tech Bad, eine Gemeinschaftsküche und eine kleine Terrasse – für umgerechnet 13€ die Nacht – mit Marmeladen-Toast Flatrate inklusive. Hallo Privatsphäre, Komfort, Hygiene – hatte euch lange nicht mehr gesehen! Und völlig verrückt: Es gab sogar einen Fernseher mit internationalen Sendern! Oh mein Gott! Ich habe ein halbes Jahr kein TV mehr geschaut! Nicht, dass ich davor mehr oder überhaupt fern geschaut habe, aber ich musste mir trotzdem erstmal Chips & Cola kaufen, um die volle TV-Experience zu erleben. Auf Cola bin ich mit 13 Jahren mal draufhängen geblieben. Nach einem kalten Entzug habe ich das Zeug jahrelang nicht mehr angefasst – nur noch in Form von Light oder Zero. Quasi mein Methadon im Substitutionsprogramm. Doch um wieder rückfällig zu werden, fand ich den Moment wahrlich angemessen. Und was sah ich da alles: Die USA bombadiert Nordkorea? Die Türken voten für einen nervenkranken Despoten? Werder Bremen spielt um Europa? Leonardo Di Caprio trennt sich von irgendwem Blondes? Gesünder leben, wenn man auf der linken Seite schläft? Die Zunge der Giraffe wird bis zu einem halben Meter lang? Wahnsinn, ich krieg gar nix mehr mit! So habe ich die erste Nacht hauptsächlich dazu genutzt , um mich fasziniert vom National Geographic Channel, zum Discovery Channel zu den BBC World News und zurück zu schalten.
Eddie und seine zauberhafte Frau, deren Zähne so groß und weiß wie A4-Blätter waren, haben mich oft mit dem Auto irgendwohin auf halber Strecke mitgenommen, bevor sie mich im Auftrag des Dezernats Selbstmordkommission in den Straßen Jakartas ausgesetzt haben. Absolute Reizüberflutung! Wie ein Schwarm asiatischer Riesenheuschrecken kamen die Rollerfahrer als Tsunami hupend und ohne Gnade aus jedem Winkel der Stadt herangekarrt. Fußgänger befinden sich hier in stetiger Lebensgefahr und sind meiner Meinung nach auf Personenschutz angewiesen. Die Straße zu überqueren, hat mich regelmäßig in massive Stresszustände versetzt. Wie oft ich mit Schweißausbrüchen panisch auf halber Strecke von der Straße zurückgelaufen bin, weil ein rasender Schub Schwermetall unerwartet schnell auf mich zugekommen ist. Und wie oft ich dabei als disqualifizierter Europäer im Dschungel von Abgasen zum Gespött der herumstehenden, dünnarmigen Indonesier wurde. Vor einer Auto-und Scooterlawine zu flüchten, ist wohl die anstrengendste Art als Europäer in einem asiatischen Land würdelos auszusehen. Ich brauchte also unbedingt einen Schullotsen!
Neben meinem täglichen Überlebenskampf auf den Straßen Jakartas habe ich es mir hier zur Aufgabe gemacht, einen Plan für den letzten Monat zu machen und nach drei Wochen ohne Smartphone endlich für einen Uplift zu sorgen. Wie funktioniert eigentlich nochmal dieses World Wide Web? Ich frage mich echt, wann das endlich mit dem Internet wieder vorbei ist. So langsam ist es ausgelutscht. Nichtsdestotrotz: Ich stand unter Druck und brauchte ein mobiles Endgerät, Internet und das Gefühl von Erreichbarkeit. Hatte sich mein WhatsApp-Postfach doch mit absoluter Sicherheit bereits mit wichtigen, ungelesenen Staatsmails gefüllt. In einer einsturzgefährdeten Mall, die auf Elektronik spezialisiert war, bin ich erstmal durch ein muffiges, handwarmes Biotop gejoggt – Quasi das Foyer zur eigentlichen Mall – das Warm-Up – voll mit Ständen, die Plastik-Irgendwas angeboten haben. Manchen Gebäuden sieht man wirklich schon von außen an, wie sie von innen riechen. Ein Verkäufer voll sexueller Energie verkaufte aus der einen Hand debil grinsende, singende Plastikäffchen und aus der anderen Dildos, die aussahen wie Delphine. Die Entscheidung fiel bei solch einem Sortiment wahrlich schwer. Dann stand ich endlich in diesem Abrissbau voll mit Elektroschrott und um mich herum drehte sich das Handyschalenkarusell. Wer bitte soll all diese Smartphonehüllen kaufen? WER?!? Nachdem der erste Elektroschock (haha) verfolgen war, habe ich endlich einen Apple Retailer (oder sowas in der Art) gefunden. Zwei harte Reparier- und Verhandlungstunden später hatte ich ein neues iPhone für umgerechnet 200€, einen neuen Akku für mein altes Smartphone und eine indonesische SIM-Karte für lächerliche 10€. Hey World, ich bin wieder connected!
Nach diesem Top-Deal musste ich mich natürlich angemessen feiern. In einem Lokal habe ich das Promo Offer genossen und fand mich kurze Zeit später auf Einladung von fünf indonesischen Geschäftsleuten an einem anderen Tisch wieder. Ich wurde mit Fragen über meine Existenz gelöchert und löffelte dabei irgendeine Suppe mit Fleischeinlage. Dabei hatte ich das Gefühl, dass in meiner Schüssel Tiere waren, denen ich im wahren Leben wohl noch nie begegnet bin. Mir wurde kurz schlecht. Die Herzlichkeit meiner indonesischen Tischnachbarn hatte mich gerade noch rechtzeitig aus meinen Vegetarier-Träumen gerissen und so prosteten Heineken (ich) und Zitronenlimonade (die anderen) einander zu. Denn worauf ich nicht vorbereitet war: Indonesien ist hauptsächlich muslimisch und in weiten Teilen des Landes (ausgenommen touristische Regionen, ausgewählte Wein- und Spirituosenläden und Restaurants) ist es nach neuem Gesetz nicht möglich Alkohol zu kaufen und für viele Indonesier auch nicht üblich Alkohol zu trinken. Neben den Muslimen co-existieren aber auch andere Religionen wie der Hinduismus (vorrangig Bali), das Christentum (vorrangig Flores, Sulawesi & Papua) oder auch der Buddhismus (Nord-Sumatra und West-Kalimantan) in der Regel friedlich und beispielslos nebeneinander. Aus vielen Gesprächen konnte ich einen gemeinsamen Konsens herausanalysieren: Die meisten begegnen anderen Religionen nicht mit gegenseitigem Ausschluss, sondern sehen die gemeinsamen Berührungspunkte aller Religionen – nämlich den Glauben in Etwas. Kein Hass, keine Intoleranz, kein Rassismus. Zumindest nicht offensichtlich.
Nach drei Tagen Jakarta bin ich um 30 Jahre gealtert und war nun reif für die Gili Islands, Sun & Fun!
No photos shown. Sorry, ich habe leider kein Photo für dich.
