The long, tiring journey to Flores

Am nächsten Tag schwammen die Barracudas immer noch wild durch meinen Magen. Es war Abreisetag. Da ich es leid war zu fliegen, hatte ich mir tags zuvor spontan noch ein Busticket zur Insel Flores organisiert. Ich wusste noch nicht, ob das wirklich eine gute Idee war, weil der Weg nach Flores über Land mit 24h lang und strapaziös ist:

  • Start 13:00 Uhr – Shuttle von Kuta nach Mataram, der Hauptstadt Lomboks (1h)
  • Von Mataram  mit dem Bus nach Labuhan, dem östlichen Teil vom Lombok (3h)
  • Fähre zur Insel Sumbawa
  • Dort angekommen mit dem Bus  12h weiter durch die Nacht über die gesamte Insel Sumbawa zum östlichsten Ende nach Sapè
  • Zwischendurch noch mitten in der Nacht in eine kleine Schrottkarre umsteigen (was natürlich so mit den Travelboys, bei denen ich mein Ticket gekauft hatte, nie abgesprochen war – an Schlaf war nicht zu denken)
  • Ankunft 8:00Uhr morgens am nächsten Tag in Sapè. Durch das Umsteigen von dem schnellen Bus in die lahme Rostlaube haben wir die Morning-Fähre verpasst. Die nächste sollte erst um 16:00Uhr kommen…
  • …um 18:00 war dann Abfahrt, dazwischen 10h Abhängen in einem Dorf im indonesischen Nirgendwo.

Man muss dazu wissen, dass in Indonesien Abfahrtzeiten und Pünktlichkeit der Willkürlichkeit des indonesischen Gleichmuts ausgesetzt sind, und dass man niemanden nach Informationen wie wann -was-wohin-abfährt fragen braucht, denn jeder – aber wirklich JEDER – erzählt dir anderen Dünnpfiff. Das ist echt beeindruckend, wie die das hinbekommen. Mir kommt es schon fast so vor, als hätten sie sich abgesprochen, arme Schweine wie mich, zu verwirren.

Seit Lombok hatte ich keinen einzigen Touristen mehr gesehen – Außer ein französisches und ein holländisches Paar. Wir schlossen uns zusammen, denn wir saßen alle im gleichen untergehenden Boot: Wir mussten die Zeit an einem Ort totschlagen, an dem das einzige was es totzuschlagen gab, ein paar herumfliegende Mückenschwärme waren. So saßen wir stundenlang in einer Art Imbiss und versuchten vor Erschöpfung nicht bewusstlos zu werden. Denn wir waren bereits 24h auf den Beinen. Nach 3h begann ich den Mie-Nudel-Verkäufer gezielt anzugaffen. Er war so interessant langweilig und rieb sich ständig missgelaunt seinen alpecinnassen Hinterkopf. Ich stellte mir vor, was da wohl die ganze Zeit auf seiner Kopfhaut rumkrappeln musste.

In dem Laden, wo wir ausharrten, kamen und gingen seltsame Menschen. Leider waren sie sehr gesprächig. Zwei Herren hatten hohen Redebedarf und referierten über die aktuelle politische Situation trotz gebrochenen Englisch in einer Detailtreue, da hätte sich Altkanzler Schröder die Finger nach geleckt. Ein weiterer verlorener Sohn des Dorfes hat richtig delivered: Aus dem Kopf, in einer unfassbaren Geschwindigkeit und ohne zu Atmen konnte er uns alle Bundesstaaten Amerikas, die Hauptstädte Europas und die bestbezahltesten Fußball-Legenden der Welt quasi vorrappen. Er war ein Held. Ein anderer – nicht minder seltsam, aber in der Sympathie weit abgeschlagen – hat uns von dem schlimmen Beef mit seiner Frau erzählt und davon, wie er sie gerade eingesperrt hat. Daraufhin verließen wir den Imbiss und flüchteten uns zu den Straßenziegen nach Draußen.

Die Fähre kam und legte wie gewohnt viel später ab als geplant. Ich war der maximalen Erschöpfung nahe und 10 Fährstunden lagen noch vor mir. Alles war kalt, dreckig und unbequem.  Die Toilettensituation stellte sich als unzumutbar heraus. Ich dachte ich hätte bereits alle sanitären Abgründe gesehen (und gerochen), aber die Toilette auf dieser Fähre überstrahlte alles. Das Klo bestand aus einem 1×1 Meter großen Bretterverschlag und roch so streng nach Exkrementen, dass sich in meiner Nase schon Verätzungssymptome einstellten. Das schlimmste war aber noch nicht mal der Geruch. Die Wände waren bespritzt mit verdautem Essen und der Boden überdeckt von einer 2cm hochkonzentrierten Schicht Urin. Ich war verzweifelt und den Tränen nahe. Wie sollte ich hier die nächsten Stunden auf Toilette gehen?

Ich legte mich wie ein räudiger Hund auf Deck in einer Pfütze aus abgestanden Wasser und Schwermetall. Unter Deck war es einfach zu hell und laut – die Parameter kannten keine Grenzen. Außerdem wollte ich nicht mit ansehen, wie alle paar Minuten irgendwer seinen Plastikmüll über Bord wirft. Auch das brachte mich fast zum Weinen. Unfassbar, welcher Ohnmacht wir ausgesetzt sind. Ich hatte daraufhin noch ein Gespräch mit zwei Indonesiern über den Umgang mit Müll, aber sie lächelten meine Bedenken nur müde weg. Keine Chance. Auf Lombok haben wir während eines Surfgangs eine tote Meeresschildkröte an Land gefunden. Ganz tot und bleich lag sie da. Wir haben sie aufgeschnitten und Unfassbares gesehen. Ein Magen voller Plastikmüll. Jeder kennt diese Bilder – Aber das Elend wirklich mit den eigenen Augen zu sehen, ist nochmal der dramaturgische Höhepunkt einer unfassbar traurigen Geschichte, die unsere Welt durchmacht.

So lag ich also da. Der wunderschöne Sternenhimmel über mir. Ich aber bibberte und war allein. Mir kamen die Tränen. Ich dachte an Deutschland. An Konstantin. Es war wirklich elendig und würdelos, wie ich da rumlag. Also ging ich wieder rein, nahm die falsche Abzweigung und befand mich auf einmal im Crew-Raum. Alle waren sehr freundlich und ich durfte bleiben. Wir schauten Winnie Puh. Ich habe nie gefragt, warum ausgewachsene Menschen, wie sie es waren, sich stundenlang Winnie Puh-Flogen reinziehen. Ich ließ mich berieseln von Ferkel und Tigger, dem pubertären Gelächter der Crew-Mitglieder und dachte über die Fahrt nach. Es fühlte sich an wie beim Übergang in einem Dj-Set von einem Lied zum nächsten: In das ausklingende eine Lied dröhnt schon der Beginn des nächsten, und die Wahrnehmungskurve des ersten Liedes geht im selben Maße nach unten wie gleichzeitig die des Folgeliedes nach oben, und dann gibt es einen einzigen Berührungspunkt, da sind beide gleichlaut, ganz kurz, das ist wahrscheinlich dann der Moment, in dem man mit dem Bus oder Fähre aus der einen Stadt oder Region herausfährt und hinein in ein neues Abenteuer fährt. Es gibt keinen kurzen Schwebemoment, keine ausgespielten Schlussakkorde, kein Schweigen der Instrumente. Das ist bei einen solchen Crossfade nicht zu erwarten, denn das würde ein Vakuum, eine Pause bedeuten, und die gibt es weder auf Reisen noch im Dj-Set.

Nach über 32h bin ich im Hafen von Labuanbajo auf Flores angekommen. Es war 3:00Uhr morgens.

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