Ich habe viel über Bali gehört. Viel Gutes. Mehr Mittelmäßiges. Zumindest Dinge, die ich als Mittelmaß bewerte. Und da Mittelmaß nicht mein Ding ist, entschied ich mich gegen Bali und wählte den kleinen statt den großen Surf-Mainstream. Ich wollte in keinem überfüllten Städtchen abhängen, in denen Surf-Hipsters mehr damit beschäftigt waren unter ständigem Druck cool auszusehen und ihre makelfreie, viel zu magere Surfschnalle durch die Gegend zu spazieren. Ich hatte wenig Lust auf die ganzen Smoothie-saufenden Yoga-Hippies, die den ganzen Tag nur Quinoa-Krümmel in sich reinschaufeln und mit spirituellen Shiva-Tattoos plakatiert Schwüre an die Freiheit trällern. Ich verabscheute die Vorstellung geistesschlanken Partykids dabei zusehen zu müssen, wie sie der Wirkung irgendwelcher Happy Mushrooms dümmlich kichernd entgegenjubeln. Diese Leute sind wirklich wie Hakenkreuze. Wenn man sie sieht, ist man am falschen Ort und ganz sicher unter falschen Menschen. Bali hat bestimmt schöne Ecken. Und schöne Menschen. Sure. Aber ich entschied mich für Lombok. Die nächsten Koordinaten hießen Surfen, Sonne, Meer & Cool Drinks.
Und so fuhr ich mit dem Bus nach Kuta – Lombok (Achtung: Nicht zu verwechseln mit Kuta – Bali!). Fünf Roller-Minuten vor dem kleinen Städtchen befand sich mein Surfcamp. Meine körperliche Konstitution an dem Tag war schwer zu ertragen. Über den Daumen gepeilt hatte ich 2h geschlafen. Dieser seltsam-giftig anmutende Energy-Drink „Extra Joss“, den ich mir in der letzten Nacht auf Gili Meno noch gegönnt habe, hatte meine Augen, aus denen ganze Fässer fettiges Taurin getrieft sind, die ganze Nacht in einer offenen Schockstarre versetzt. Angekommen in meinem neuen Zuhause für die nächsten 7 Tage, ging ich mitten am Tag erst einmal ins Bett. In dem Zustand konnte ich weder konversieren, noch surfen. Dabei hatte ich trotz Schlafmangel massive Probleme einzuschlafen, zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf. Ich hatte mal gelesen, dass man abschweifende Gedanken, die einem beim Einschlafen hindern, beenden kann, indem man sich ein Stopp-Schild vorstellt. Aber bei mir raste es immer noch so von Extra Joss, dass ich das Stopp-Schild glatt überfahren hatte.
Dann klappte es doch und nach etwa 3h wurde ich reanimiert. Irgendetwas trampelte, während ich schlief, ungeniert auf mir herum. Ich sah mich erschrocken um und schaute in zwei große, indifferente braune Augen. Es war ein Puma. Achnee, ein Kater. Später sollte sich herausstellen, dass er Sausage hieß. Er war dick und länglich wie eine Wurst, bei der am Ende die Darmhaut sorgsam als Schleife geschnürrt wurde. Das war sein Stummelschwanz. Sausage erinnerte mich an meine All time number one-Wurst, die Thüringer Rostbratwurst. Ich bekam immer Hunger, wenn wir uns trafen. Sausage war das Haustier des Surfcamps und hatte einen Bruder. Er hieß Zombie. Zombie war wie Sausage – getigert, etwas dicklich (und dümmlich) und hatte – blöd für ihn – nur noch ein Auge. Er fauchte stets, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Und es ging ihm ständig ziemlich viel gegen den Strich. Auch Zombie hatte nur einen halben Schwanz. Die Sache ließ mich nicht mehr los – was passierte hier? Wo war der Rest des Schwanzes? Bevor ich die Locals fragen und damit die Wahrheit über die Halbschwänzer herausfinden würde, hatte ich mich bei einigen Travellern umgehört:
- 1. These: Die Locals schneiden den Tieren den Schwanz ab, sodass sie den Gleichgewichtssinn verlieren und nicht mehr über die Bäume ins Haus einsteigen können.
- 2. These: Baby-Katzen-Schwänze gelten als Delikatesse in indonesischen Suppen.
- 3. These: Bei Katzen, die medizinisch versorgt wurden, wird der Schwanz als Markierung „Checked“ abgeschnitten.
- 4. These: Katzen sind in Indonesien heilig und werden aus religiösen Gründen „beschnitten“.
- 5. These (mein Favorit): Vor langer Zeit, als Indonesien noch unbesiedelt war, verliebten sich Hase und Katze ineinander und bekamen viele Kinder, bei denen das Katzen-Chromoson dominanter war, sodass die Mischlinge mehr einer Katze glichen. – Nur der Schwanz wurde vom Hasen geerbt.
- 6. These: Kurze Schwänze gelten in Indonesien als Schönheitsideal. (Auch nicht schlecht…)
Die Schwanz-Theorien sind plausibel, oder 😉 Aber nein, Indonesier sind keine Frankensteins, die aus welchen Gründen auch immer an den Schwänzen der Katzen herumdoktern: Es ist einfach so. Die Katzen kommen hier einfach schon mit kurzem Schwanz zur Welt. Das ist genetisch bedingt.
Das Camp bestand neben den zwei Mietzen noch aus Tim – dem lebensfrohen belgischen Besitzer sowie einer indonesischen Familie, welche die Unterkunft managed. Diese für sich war tatsächlich himmlisch. Sie bestand aus 6 hinreißenden Palmhütten mit einem idyllischen Openair-Bad. Ich hatte eine ganze Hütte für mich. Dieser plötzliche Uplift an Komfort und Freiraum war schlicht überwältigend. Als ich meinen Rucksackinhalt leerte, fühlte es sich an, als würde ich nach einem Umzug in eine andere Stadt meine Kisten auspacken und sorgsam in meine neuen Wandschränke einsortieren. Es gab sogar einen Pool. Bei der immensen Hitze dort ein nicht ganz unwesentliches Feature des Camps.
Hier ein Überblick über die Crowd, mit der ich mir die Wellen für eine Woche um die Ohren schlug:
1) Nadja & Vincent aus Montpellier
- Nadja hat einen topfitten Body und ist eine gute Surferin. Zu allem Überfluss sieht aus wie 25 – ist aber 40 Jahre alt und hat mit Vincent 3 Kinder (!) Ich bin immer noch fassungslos über diese Information und suche in Gedanken ihren Körper nach Falten ab
- Vincent hat die DNA von der französischen Ausgabe Dieter Thomas Hecks in jungen Jahren
- Bei beiden endete das Englisch schnell in einer Pellkatoffelrethorik und war zeitnah abgeschält, was ich sehr schade fand, da ich Nadja mochte und mich gerne noch viel intensiver mit ihr beschäftigt hätte. Französisch ist jetzt auch nicht gerade mein Ass im Ärmel
2) John aka. Osama bin Lombok und Abby aus Wyoming
- Amerikaner, die in einem Trailer leben und hauptsächlich durch die Staaten Wyoming, Utah, South Dakota und Montana streunern
- John macht beruflich „Irgendwas“und Abby ist Krankenschwester
- Beide sind exzellente Climber, aber noch Surfanfänger
- Abby ist der Typ Frau, der zwar furchtbar nett ist, aber in deren Tagebuch so Weisheiten stehen wie „Das Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi“ oder „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“
- Das Gute an Abby war: Wir hätten uns nie zerstritten, weil wir uns nie komplett angefreundet haben. Oft lachte sie mich an und fragte mich so Amerikanerkonversationsquatsch. Ich antwortete ihr stets diszipliniert nett
- Mit John war das etwas anders. Stories über seine Liebe zur Natur und zum Klettern sowie die Freiheiten und Einschränkungen auf so kleinem Terrain, wie im Trailer, überall zuhause zu sein, mündeten oft in einem mäandernden, leidenschaftlichen Redefluss, der mich absolut entertained hat
- Schnell hatte John bei den stets humoristisch in der Kreisliga spielenden Surfguides den Namen „Osama bin Lombok“ weg. Warum? Er trug Bart. Aha. Ja, stimmt. Fast lustig.
3) Jo aus Alaska
- Jo, dessen soziale Kompetenz die eines tasmanischen Teufels glich, besitzt ein hornhautüberwuchertes Herz, das so kalt ist wie der 56. Bundestaat der USA, in dem er lebt
- Er war so verbohrt auf das Surfen, die perfekte Welle, dass er kein anderes Thema kannte
- Jo lobte sich ständig selbst, und wenn er sich mal sanft zu kritisieren schien, so war es nur sein größtes Selbstlob: ein „krankhafter Perfektionst“ sei er
- Seine kokett inszenierte Seltsamkeit und emotionale Gleichgültigkeit haben mich oft sehr ratlos gemacht. Gespräche mit ihm endeten meist in Einbahnstraßenkonversationen
- Auch wenn es sowas wie eine Zwangsbekanntschaft war, war er auf seine Weise trotzdem irgendwie nett – oder zumindest höflich
- Ich hing nur einmal wirklich an seinen Lippen: Als er nämlich vom wunderschönen Alaska erzählte
4) Angela aus Australien
- Britin und intermediate Surferin, die aktuell in Sydney lebt
- Angela ist das After Eight und der Mini Clubman, ein All-Inklusive, ein Zwei zahlen-Drei mitnehmen
- Angela war die einzige neben Jo und mir, die als Einzelperson anreiste – und entgegen Jo, ein Herz hatte so strahlend wie die Sonne am australischen Himmel
- Sie kam als letztes und ging als erstes: Angela brach das Surfcamp ab, weil sie das Verhalten unserer Surflehrer ihr gegenüber als unprofessionell empfand – Sehr schade!
Weiter geht`s. Darf ich vorstellen, unsere indonesischen Surfguides:
- Nabila: Anfangs waren wir Best Buddies, später kühlte die Situation runter. Nabila wurde krank und war nur noch mit halbem Herzen dabei.
- Max: Einfach ein geiler Typ. Humor wie alle anderen indonesischen Surflehrer – flach wie mein Schuhwerk, aber herzensgut und einfach unfassbar gesellig – quasi das Erdmännchen unter den Surflehrern. Bei Max war es am Ende der Woche am härtesten „Goodbye“ zu sagen.
- Arief: Angela empfand ihn als viel zu pushy. Sie hat sich von ihm oft unter Druck gesetzt gefühlt, weil er sie in seinen Augen auf Wellen gesehen hat, auf denen sie sich nicht sah. Da sie wie eigentlich jeder, ein eigenes Gefühl dafür entwickelt, wann SEINE Welle kommt und der richtige Moment zum Take off ist. Arief war mir nicht unmittelbar zugeordnet, ich hatte also keinen direkten Pain mit ihm.
Morgens bereitete uns immer der Rama-Familienvater ein Frühstück aus frisch gemixten Bananen-Smoothie, Jogurth & Obst sowie frisches Rührei mit Tomaten und Toast vor. Ich war im Glück: Ich aß gut, machte Sport, trank irgendwelche heilsamen Ingwer-Irgendwas-Shots, ohne dabei dressiert auszusehen, wenig Alkohol, viel Schlaf, machte Yoga und kehrte oft bei meiner Massage-Unke ein. Ich war auf einmal fit. Ich war plötzlich unbesiegbar. Ich war Wonder Woman, Cat Woman und Xena in einer Person. Die Massage-Unke war ein Geheimtipp von einem Einheimischen. Sie war eine liebevolle, zahnlose Mutter von bestimmt 30 Kindern und hatte einen kleinen Massagesalon in Kuta. Der Salon war eine baufällige 3×3 Meter Hütte gleich neben dem Hühnerstall. Eigentlich war es der Erker des Hühnerstalls, sodass ich während meiner Massage immer wieder mit einzelnen Hennen über andere Hennen ins Gespräch kam. Das war aber egal. Es war „einigermaßen“ hygienisch, vor allem aber authentisch und Mutter Unke hat mich durchgeknetet und gestretched als würde es kein Morgen geben. Ich war gerne da, auch wenn immer ein Mittagsmuff in der Luft hing, als ob einem unvermittelt ein Pottwal in den Schnorchel furzt.
Kommen wir zum Surfen. Begonnen habe ich wie fast jeder, der lange nicht Surfen war in Selong Belanak: Ein wunderschöner Anfängerstrand ohne Riff, dafür mit Wasserbüffeln am Strand, ca. 30min westlich von Kuta und auch so ziemlich einer der wenigen Spots, an denen man Beachbreaks surft. Einheimische Surflehrer stehen kettenrauchend vor ihren aneinandergereihten Buden wie Nutten vor ihren Rotlicht-Wohnungen – stets wartend auf Kundschaft. In Kuta verfallen die indonesischen Surflehrer oft der einfachen, prolligen Hülsenlyrik, muskeln am Strand herum, sind den ganzen Tag damit beschäftigt mit ihren Nikotinfingern die Surfbretter der Traveller anzustoßen und ziehen sich abends entweder synthetischen Teeniepop oder starken, milchigen Palmwein rein (Inkubationszeit dauert max. ein Schluck). Der Humor gleicht einem Abstellgleis stumpfer Anmachsprüche: „Hey wait! Sorry, you lost something!“ (*nichtsahnendes Mädchen schaut sich suchend um*) „…your smile“ (*schallendes Gelächter*) Das Gute an diesem Strand aber war, dass man sich bei Pausen nicht zurück ins Boot hieven musste, sondern entspannt am Strand ein wenig Gado Gado (ein sauleckerer indonesischer Salat mit Erdnuss-Soße) oder einen Kaffee bei einer der vielen Nasi Goreng-Muttis am Strand bestellen konnte. Auch wenn der Kaffee aus einer hygienisch bedenklichen Düse strullte, dann in vergilbte Plastiknäpfe gefüllt wurde und nach Altöl mit Snickers schmeckte: Es waren komfortable Verschnaufpausen. Hunde sind an diesem Strand die Residents. Sie haben leider nicht das Schicksal als Aufpasser, Briefträgerbeißer oder weicher Spielkamerad abgerichtet zu sein. Sie leben hier das Leben als Bettler und Fußabtreter.
Weitere Surfspots:
- Ekas Inside: 40min mit dem Auto östlich von Kuta und weitere 20 Minuten mit dem Boot raus. Teils zwar große, aber sanfte, vorhersehbare Welle – richtig geil.
- Gerupuk Inside: 25min von Kuta im kleinen Fischerdorf Gerupuk geht’s auch hier mit dem Boot raus zu Lomboks berühmtester Welle für Beginner und Intermediates. Die Welle für sich war super, nur leider ist der Spot sehr überlaufen und hatte an den Tagen, an denen ich da war, auch mit starken Strömungen zu kämpfen.
- Tanjun Aan: 20 min von Kuta. Wunderschöne Bucht mit weißem Sandstrand. Langes Paddeln nach draußen zur Welle.
- Seger, Air Guling und Mawi
Da ich nicht erfahren bin und auch lange nicht mehr auf einem Board stand, musste ich erstmal wieder reinkommen. Recht schnell wechselten wir von den Beachbreaks zu den Green Waves. Draußen am Riff die Welle zu reiten ist nochmal eine ganz andere Qualität. Extrem fordernd, aber zweifelsohne erfüllend, da die Wege einfach länger sind. Der Moment auf der Welle ist dann wie drei Geburtstage zusammen. Körper und Geist sind unter Spannung, das Herz pocht, der Atem stockt. Mit dem Ende der Welle kommt dann der anstrengendste Teil: Back to the beginning. Die Fortsetzung besteht in der Wiederholung. Und so paddelte ich, und paddelte – gegen Wind, Wetter und Strömungen. Bei Ankunft der völligen Erschöpfung nahe, war die einzige Motivation sofort weiterzumachen, die Welle unter, neben oder hinter mir zu wissen – aber ganz sicher nicht über mir. Oftmals hat sie mich erwischt und erbarmungslos durch das Meer geschleudert. Ich wusste, dass das scharfe Riff unter mir nur nach Opfern späht. Am Ende einer jeden Welle streckte mein Surfguide oft den Topdaumen, den Fußballer immer zeigen, in die durch Wellengischt angefeuchtete Luft. Manchmal stand der Daumen aber auch mittig. Ganz nach unten trauten sie sich dann doch nicht. Meistens war es aber der Topdaumen. Das fand ich Top und weiter ging’s.
Nach dem Surfen ging jeder seine eigenen Wege. So habe ich zum Beispiel einen Bekannten aus Hamburg wiedergetroffen und regelmäßig meine Massage-Unke heimgesucht. Oder wir gingen die Wege zusammen. So sind wir beispielsweise zu einem Wasserfall gehiked, haben die einheimischen Dörfer und Märkte mit dem Scooter erkundet oder machten zusammen Yoga. Abends haben wir meist zusammen gegessen, noch ein Bier am Strand getrunken und den Sonnenuntergang genossen. Wir ließen die Flaschen aneinander klirren und lobten uns gegenseitig. Immer sind wir aber früh schlafen gegangen. Denn oft ging es um 6-7Uhr morgens bereits aufs Wasser. Das ist sehr, sehr, sehr früh, wenn man beispielsweise Frühstücken und Zähneputzen nicht grundsätzlich ablehnt. Egal wie früh es war: Die Sonne war schon lange bei der Arbeit.
Ich hatte mir über die Woche einen Motorroller ausgeliehen, um schnell und unkompliziert von A nach B zu kommen. In Kuta Downtown war man in 5min – und dort dann oft nur eine Touristenexistenz. Ziellos gehen hieß hier plötzlich Schlendern. Allerhand indonesische Dauersmoker dröhnten hier mit ihrem Roller über den wehrlosen Asphalt. Die Realität offenbarte eine authentische Atmosphäre mit einem guten Mix aus Locals und angereisten Surfern. Es gab einige Amüsierinstitutionen und kulinarische Enklaven, von denen, wie in der Werbung, simpelste Reize bekitzelt wurden. Und wenn auch die Werbung oft gescholten wird, ich fiel jedesmal bewusst drauf rein, gerne auch auf die einfachsten Tricks: Der Indonesier, der seine Pfanne mit Mie Goreng zur Straße hin auslüftet, damit die Menschen ihrer Nase folgen wie im Comic der Hund der Wurst.
Nach 4 Tagen Surfen bin ich krank geworden. Mein matt schlagendes Herz kam nicht mehr in Gang, meine Nase lief ununterbrochen, als wenn jemand den Stöpsel in meinen Nebenhöhlen gezogen hat. Ich röchelte wie eine altersschwache Bulldocke kurz vor dem Einschläfern mit irreversiblen Flecken an den Lymphen. Auf meinem Kopf lagen die gesammelten Plattenbauten von Berlin Marzahn. Ich konnte nicht aufs Wasser, also legte ich mich dekorativ ins Bett. Und ich schlief. Schlief und schlief. Und Gott sei Dank: Irgendwann wachte ich wieder auf. Der Tag startete bei Null.
Nach 4 Monaten Reisen und zum ersten mal eine Woche durchgängig an ein und demselben Ort kam ich plötzlich auf die Idee Frühjahrsputz zu machen. Ich fing mit meinen Jackentaschen und Rucksack an: Hier findet man ja meistens das Strandgut des Lebens. Sie sind – Achtung, nun folgt einer der abgetrampelsten Vergleichspfade der Neuzeit – wie Tagebücher. Allerdings mussten Tickets, Quittungen, Bierdeckel oder ähnliches schon sehr schön oder mit Erinnerungen behaftet sein, um nicht aussortiert zu werden. Wenn sie noch von Bedeutung sind, gehören sie allenfalls in Schuhkartons oder ähnlichen Biografie-Särgen. Aber die hatte ich nicht dabei. Also weg damit. Schön war die Freude über das Finden größerer Gelbbeträge, sprich Scheine. Nicht tadelnd wie die verzweifelt gesuchte Kreditkarte (Wo warst du denn solange?!!), sondern freudig (Wo kommst du denn her. Du siehst aber gut aus!) heißt man sie herzlich willkommen. Diese Begegnungen hatte ich beim Frühjahrputz einige Male. Allerdings handelte es sich um Währungen, in dessen Entsprechungsland ich mich schon lange nicht mehr befand.
Am letzten Tag gab es ein ausschweifendes BBQ am Strand von Tanjun Aan. Wir hatten uns vorher vom lokalen Fischer 2 RIESEN-große Barracudas gekauft. Mit einem opulenten Lagerfeuer und Buffet am Strand feierten wir in den Abend hinein. Jeder beludt seinen Teller als wäre er schwanger. Süßes neben salzig, Kaltes neben heißem. Dazu diverse Kohlenhydrat-Variationen: Kartoffeln, Brot und Reis sowie Säfte oder alkoholische Getränke. Hier ein Filet, da ein Gemüse-Spieß, gerade so als gelte es Vorräte für den Luftschutzbunker zu sammeln. Das Buffet, was Tim organisiert hatte, war eine gastronomische Pauschalreise, all inklusive. Nach dem BBQ war der Selbsthaß beträchtlich. Maßloses Überschätzen bewirkte ein Calzonegefühl, in der mehr denn je als Bauch empfundenen Magengegend.























































